{"id":1086,"date":"2020-02-02T11:12:15","date_gmt":"2020-02-02T10:12:15","guid":{"rendered":"http:\/\/lazermi.noblogs.org\/?p=1086"},"modified":"2020-03-10T12:37:02","modified_gmt":"2020-03-10T11:37:02","slug":"de-robert-kurz-die-himmelfahrt-des-geldes-strukturelle-schranken-der-kapitalverwertung-kasinokapitalismus-und-globale-finanzkrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/?p=1086","title":{"rendered":"[DE] Robert Kurz  Die Himmelfahrt des Geldes.  Strukturelle Schranken der Kapitalverwertung, Kasinokapitalismus und globale Finanzkrise"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"irc_mi alignleft\" src=\"https:\/\/aleteiafrench.files.wordpress.com\/2019\/05\/john-singleton-copley-crop.jpg?quality=100&amp;strip=all&amp;w=620&amp;h=310&amp;crop=1\" alt=\"R\u00e9sultat de recherche d'images pour &quot;ascension repr\u00e9sentation&quot;\" width=\"394\" height=\"197\" \/><\/h3>\n<p align=\"justify\"><em>Cet article de Robert Kurz est discut\u00e9 par Michael Heinrich dans sa contribution \u00ab\u00a0Effondrement du capitalisme. Krisis et la crise\u00a0\u00bb.\u00a0Il est actuellement disponible sur la revue <a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/textanz1.php?tabelle=schwerpunkte&amp;index=6&amp;posnr=71&amp;backtext1=text1.php\">Exit!<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center\" align=\"justify\"><i>Robert Kurz <\/i><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center\" align=\"justify\">Die Himmelfahrt des Geldes<\/h1>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"justify\"><b>Strukturelle Schranken der Kapitalverwertung, Kasinokapitalismus und globale Finanzkrise<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><b>1. Realkapital und zinstragendes Kapital<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"q1\"><\/a><a name=\"q2\"><\/a><a name=\"q3\"><\/a><a name=\"q4\"><\/a><a name=\"q5\"><\/a> Zu den vielen schizoiden Strukturen der modernen Welt geh\u00f6rt auch das widerspr\u00fcchliche Verh\u00e4ltnis von Arbeit und Geld. Arbeit als abstrakte Ent\u00e4u\u00dferung menschlicher Energie im Proze\u00df betriebswirtschaftlicher Rationalit\u00e4t und Geld als die Erscheinungsform des dadurch erzeugten \u00f6konomischen \u00bbWerts\u00ab (d.h. einer fetischistischen Phantasmagorie des objektivierten gesellschaftlichen Bewu\u00dftseins) sind die beiden Seiten derselben Medaille. Geld repr\u00e4sentiert oder \u00bbist\u00ab im kapitalistischen Selbstzweck einer unaufh\u00f6rlich gesteigerten Akkumulation dieses Fetisch-Mediums nichts anderes als \u00bbtote Arbeit\u00ab, real abstraktifiziert zur dinglichen Gestalt. Der menschliche \u00bbStoffwechselproze\u00df mit der Natur\u00ab (Marx) ist gerade dadurch zur abstrakten, an sich sinnlosen Ent\u00e4u\u00dferung von Arbeitskraft geworden, da\u00df sich in der potenzierten Fetischform des Kapitals das Geld dem menschlichen Aktor gegen\u00fcber verselbst\u00e4ndigt hat: Nicht der menschliche Bed\u00fcrfniszweck steuert die Verausgabung von Energie, sondern umgekehrt hat sich die dinglich verselbst\u00e4ndigte \u00bbtote\u00ab Form der verausgabten Energie die Befriedigung der menschlichen Bed\u00fcrfniszwecke untergeordnet. Die Naturbeziehung ebenso wie die gesellschaftlichen Beziehungen sind zu blo\u00dfen Durchlaufprozessen der \u00bbVerwertung von Geld\u00ab geworden.<\/p>\n<p align=\"justify\"><!--more--><br \/>\nDieser Verwertungsproze\u00df, in dem sich das Fetisch-Medium auf sich selbst r\u00fcckgekoppelt hat, l\u00e4uft freilich keineswegs ohne Friktionen ab. Allein dadurch, da\u00df Arbeit und Geld \u00fcberhaupt als verschiedene Durchgangsstadien der Selbstzweck-Verwertung sich darstellen, k\u00f6nnen diese beiden Momente auch krisenhaft auseinanderfallen, d.h. in ihrer Aggregierung nicht mehr \u00fcbereinstimmen. Der Natur der Sache nach erscheint diese mangelnde \u00dcbereinstimmung als Entkoppelung des Geldes von der abstrakten Arbeits-Substanz: Die Vermehrung des Geldes l\u00e4uft dann schneller als die Anh\u00e4ufung abstraktifizierter \u00bbtoter Arbeit\u00ab und hebt somit von ihrer eigenen Grundlage ab. Da sich aber die beiden Erscheinungen Arbeit und Geld in einem blinden historischen Proze\u00df hinter dem R\u00fccken der menschlichen Subjekte herausgebildet haben, ist ihr innerer Zusammenhang weder im Alltagsdenken des \u00bbgesunden Menschenverstandes\u00ab noch im wissenschaftlichen Denken bewu\u00dft. Wie Arbeit und Geld in den diversen Ideologien gegeneinander ausgespielt werden k\u00f6nnen, so auch in der Auffassung des \u00f6konomischen Prozesses.<br \/>\nZwar gilt die moderne Gesellschaft allgemein als \u00bbArbeitsgesellschaft\u00ab oder \u00bbErwerbsgesellschaft\u00ab, und es ist unbestritten, da\u00df Arbeit und Geldeinkommen letztlich eine Identit\u00e4t darstellen. Aber dieser logische Zusammenhang wird nur in einem flachen soziologischen Sinne verstanden oder als eine Art moralisches Postulat geltend gemacht, etwa in den Ideologien von der \u00bbehrlichen Arbeit\u00ab, w\u00e4hrend die \u00f6konomische Notwendigkeit einer \u00dcbereinstimmung dieser beiden Erscheinungsformen des Verwertungsprozesses nicht unbedingt f\u00fcr plausibel gehalten wird. Durch die keineswegs leicht erkennbaren, im Laufe der Modernisierung immer komplexeren Vermittlungsformen zwischen Arbeit und Geld entsteht die Illusion, das Geld k\u00f6nne auch unabh\u00e4ngig von seiner abstrakten Arbeits-Substanz prozessieren.<br \/>\nDas theoretische Denken der Volkswirtschaftslehre verkennt die kapitallogisch notwendige \u00dcbereinstimmung von abstrakter Arbeit und Geld bekanntlich deswegen, weil seit dem Aufkommen der Grenznutzentheorie im Unterschied zu den eigenen Klassikern (Adam Smith und David Ricardo) der Wertbegriff entweder ganz fallengelassen oder oberfl\u00e4chlich mit den erzielbaren Preisen in eins gesetzt und subjektiviert wurde, w\u00e4hrend eine objektive Wertsubstanz als widerlegt und die Arbeitswerttheorie als blo\u00dfes Fossil gilt. In diesem Punkt sind sich auch die beiden kontr\u00e4ren \u00f6konomischen Doktrinen der Nachkriegszeit, Keynesianismus und Monetarismus, theoretisch durchaus einig, ohne jedoch den tats\u00e4chlichen Zusammenhang von Arbeit und Geld v\u00f6llig ignorieren zu k\u00f6nnen. Der Keynesianismus mu\u00df der basistheoretisch verleugneten Logik der abstrakten Arbeit wenigstens oberfl\u00e4chlich durch den Zusammenhang von \u00bbBesch\u00e4ftigung\u00ab und \u00bbGeldeinkommen\u00ab Rechnung tragen. Auch im Monetarismus von Milton Friedman erscheint das Problem auf eine ebenso ahnungsvolle wie begriffslose Weise wieder, indem er die Entkoppelung der Geldmenge von der Menge der Produktion (f\u00fcr den Markt) als Grund\u00fcbel kritisiert. Weder der keynesianische Begriff der \u00bbBesch\u00e4ftigung\u00ab (Nachfrage-Faktor) noch der monetaristische Begriff der \u00bbProduktion\u00ab (Angebots-Faktor) stellt jedoch irgendeine innere, substantielle Beziehung von Arbeitsmenge und Geldmenge her, in der die Illusion von der selbst\u00e4ndigen Bewegung des Geldes \u00fcberwunden w\u00e4re. Nur indirekt scheint das Problem auf.<br \/>\nIn der Praxis des kapitalistischen Prozesses entsteht diese Illusion aus der besonderen Natur des im Bankensystem konzentrierten Geldkapitals. Geld wird eigentlich zu Kapital, indem es direkt f\u00fcr die Vernutzungsbewegung abstrakter Arbeit verausgabt und dadurch \u00bbaus einem gegebnen Wert zu einem sich selbst verwertenden, sich vermehrenden Wert\u00ab (Kapital Bd. 3, 350) wird: Eingekaufte Produktionsmittel einschlie\u00dflich der menschlichen Arbeitskraft verwandeln sich gem\u00e4\u00df betriebswirtschaftlicher Rationalit\u00e4t in Waren, die auf dem Markt verkauft werden und deren Resultat ein \u00dcberschu\u00df in der Abstraktionsform Geld ist. Diese Logik, von Marx in die Formel G-W-G&rsquo; gefa\u00dft, kann nur durch abstrakte Arbeit vermittelt werden, die sich in Waren inkarniert. Die Ausgangsmenge \u00bbG\u00ab des als Kapital fungierenden Geldes kann jedoch vom betriebswirtschaftlichen, warenproduzierenden Unternehmen auch (ganz oder teilweise) geliehen sein, wenn das eigene Geldkapital nicht ausreicht. Daf\u00fcr dienen die im Bankensystem konzentrierten Spargelder der Gesellschaft: Geld, das von seinen Besitzern weder f\u00fcr Konsum noch f\u00fcr betriebswirtschaftliche Anlagen verwendet, sondern in der Art des von einem Hund vergrabenen Knochens zwecks sp\u00e4terer Verknusperung deponiert wird.<br \/>\nDennoch ist auch dieses Geld Kapital, und zwar in der Form des Kredits: Es wird einstweilen \u00fcber das Bankensystem an \u00bbfungierendes\u00ab betriebswirtschaftliches Kapital verliehen. Das Geld dient hier weder der Vermittlung von Waren noch ist es direkt ein betriebswirtschaftliches Geldkapital, das f\u00fcr seinen Verwertungsproze\u00df abstrakte Arbeit anwendet, sondern es wird paradoxerweise selber zur Ware, die auf speziellen M\u00e4rkten (n\u00e4mlich den Finanzm\u00e4rkten) gehandelt wird und deren Preis der Zins ist.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#1\">1<\/a> Das Geld als Ware auf den Finanzm\u00e4rkten ist also <i>zinstragendes Kapital<\/i> im Unterschied zum \u00bbreellen\u00ab betriebswirtschaftlichen Kapital, von dem die tats\u00e4chliche substantielle Verwertungsbewegung getragen wird. Vom Standpunkt dieses zinstragenden Kapitals aus verk\u00fcrzt sich die Formel der Verwertung auf G-G&rsquo;; d.h. scheinbar ohne Dazwischenkunft realer Produktion von \u00bbW\u00ab gewinnt das Geld unmittelbar als Ware die geradezu \u00bbokkulte Qualit\u00e4t\u00ab (Marx), vermeintlich aus sich heraus \u00bbmehr Geld\u00ab zu hecken: \u00bbDie charakteristische Bewegung des Kapitals \u00fcberhaupt &#8230; die R\u00fcckkehr des Kapitals zu seinem Ausgangspunkt, erh\u00e4lt im zinstragenden Kapital eine ganz \u00e4u\u00dferliche, von der wirklichen Bewegung, deren Form sie ist, getrennte Gestalt &#8230; Weggeben, Verleihen von Geld f\u00fcr eine gewisse Zeit, und R\u00fcckempfang desselben mit Zins (Mehrwert) ist die ganze Form der Bewegung, die dem zinstragenden Kapital als solchem zukommt. Die wirkliche Bewegung des ausgeliehenen Geldes als Kapital ist eine Operation, die jenseits der Transaktionen zwischen Verleihern und Anleihern liegt. In diesen selbst ist diese Vermittlung ausgel\u00f6scht, nicht sichtbar, nicht unmittelbar einbegriffen&#8230; Die R\u00fcckkehr dr\u00fcckt sich daher hier auch nicht aus als Konsequenz und Resultat einer bestimmten Reihe \u00f6konomischer Vorg\u00e4nge, sondern als Folge einer speziellen juristischen Abmachung zwischen K\u00e4ufer und Verk\u00e4ufer\u00ab (Kapital Bd. 3, 360 f.).<br \/>\nEinerseits kann es nat\u00fcrlich nicht ernsthaft abgestritten werden, da\u00df Geld ohne Waren (oder Geld f\u00fcr sich allein als Ware) ein gesellschaftliches Unding w\u00e4re; andererseits stellt im allgemeinen Vorurteil von Geld als Kapital nicht so sehr das warenproduzierende Betriebskapital als vielmehr das zinstragende Kapital die reine und \u00bbeigentliche\u00ab Form des Kapitals dar. Die tats\u00e4chliche einzige Quelle des \u00bbGeld heckenden Geldes\u00ab (Marx), der Vernutzungsproze\u00df abstrakter Arbeit in der wirklichen Warenproduktion, verschwindet so hinter der \u00bbinhaltslosen Form\u00ab (Marx) seiner eigenen Bewegung. Im zinstragenden Kapital erscheint die Hervorbringung von \u00bbmehr Geld\u00ab nicht etwa als (fetischistischer) gesellschaftlicher <i>Ausdruck<\/i> der kapitalistischen Produktion von Waren, sondern vielmehr als eine eigene Warenproduktion neben den anderen, so gut wie die Produktion von Strumpfsocken, Z\u00fcndkerzen oder Erlebnisreisen. Die im Bankensystem verausgabte abstrakte Arbeit wird umstandslos (auch im VWL-Begriff der \u00bbWertsch\u00f6pfung\u00ab) der Arbeit in den Produktions- und Dienstleistungsbetrieben gleichgesetzt; es ist sogar von einer \u00bbFinanzindustrie\u00ab die Rede.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#2\">2<\/a> Die geisterhafte Verdopplung der Produkte des warenproduzierenden Systems in Ware und Geld ist eskamotiert zugunsten einer kruden Identifizierung des Geldes als Ware.<br \/>\nZun\u00e4chst mag es den Anschein haben, da\u00df es sich hier nur um eine subjektive Illusion handelt, also um die blo\u00dfe Ideologie des zinstragenden Geldkapitals, dessen Agenten die tats\u00e4chliche substantielle Gesamtbewegung nicht bewu\u00dft ist. Solange der reale Verwertungsproze\u00df auf seinen eigenen Grundlagen funktioniert, mag es sich in der Tat so verhalten. Dem verleihenden Geldbesitzer kann es ja wirklich egal sein, woher der Zins eigentlich stammt, der seinem wundersamen \u00bbGeld heckenden Geld\u00ab entw\u00e4chst. Problematisch wird es jedoch, wenn das verliehene Geld nicht wirklich f\u00fcr eine gelingende betriebswirtschaftliche Vernutzungsbewegung abstrakter Arbeit verausgabt wird. Dieser Fehleinsatz ist auf einer ganzen Stufenleiter m\u00f6glich, auf der das zinstragende Kapital in wachsendem Ma\u00dfe vom realen Verwertungsproze\u00df abhebt und zum \u00bbfiktiven Kapital\u00ab (Marx) wird.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#3\">3<\/a><br \/>\nDer einfachste Fall ist nat\u00fcrlich der, da\u00df das reelle Betriebskapital, das sich Geld geliehen hat, mit seinen Waren auf dem Markt nicht re\u00fcssieren kann und bankrottiert. Dann schl\u00e4gt die Nicht\u00fcbereinstimmung von Arbeit und Geld (die Arbeit des warenproduzierenden Unternehmens wurde vom Markt f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt) unmittelbar auf das zinstragende Kapital zur\u00fcck: die verausgabten Kredite m\u00fcssen \u00bbabgeschrieben\u00ab werden.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#4\">4<\/a> Derselbe Effekt ergibt sich, wenn das verliehene Geld sowieso von vornherein nicht f\u00fcr reale betriebswirtschaftliche Warenproduktion, sondern z.B. f\u00fcr Luxus- oder Prestigekonsum verausgabt wurde; das war seit den 70er Jahren bei vielen Krediten der Fall, die vom internationalen Finanzsystem an diverse Potentaten und befreundete Mordregimes der Dritten Welt vergeben wurden.<br \/>\nIm eigentlichen Sinne \u00bbfiktiv\u00ab wird die scheinbar direkte Bewegung G-G&rsquo; erst dann, wenn das Fiasko des substantiellen Verwertungsprozesses dadurch \u00fcberspielt wird, da\u00df die faul gewordenen Kredite mit anderen, neuen Krediten \u00bbbedient\u00ab werden; das ist heute in gro\u00dfem Ma\u00dfstab nicht nur bei den Dritte-Welt-Krediten der Fall, sondern auch bei einer globalen Masse von Unternehmens- und Konsumentenkrediten. Das Finanzsystem schiebt auf diese Weise einen unaufh\u00f6rlich wachsenden Berg von \u00bbsubstanzlosem\u00ab Kreditgeld vor sich her, das behandelt wird, \u00bbals ob\u00ab es einen realen Verwertungsproze\u00df durchlaufen w\u00fcrde, der jedoch lediglich durch Meta-Kredite simuliert wird. In dieser Form verl\u00e4ngert sich der Verkettungszusammenhang von abstrakter Arbeit und Geld derart, da\u00df die Nicht\u00fcbereinstimmung der beiden Erscheinungsformen nicht sofort wirksam, sondern gewisserma\u00dfen \u00bbgestreckt\u00ab wird. Unvermeidlich mu\u00df aber schlie\u00dflich auch die fiktive Verl\u00e4ngerungskette rei\u00dfen, weil die Meta-Verzinsung der \u00fcber ihren substantiellen Gehalt hinausgewachsenen Bewegung G-G&rsquo; an Grenzen st\u00f6\u00dft.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#5\">5<\/a><br \/>\nEine noch h\u00f6here Stufe der Entkoppelung von Arbeit und Geld wird erreicht, wenn das Kreditgeld als Ausgangsbasis einer spekulativen Bewegung dient, in der nicht einmal mehr der Anschein einer realen Warenproduktion erweckt wird. Der Handel mit den blo\u00dfen <i>Eigentumstiteln<\/i> von Aktien und Immobilien erzeugt dabei fiktive Wertsteigerungen, die mit den tats\u00e4chlichen Gewinnen aus der betriebswirtschaftlichen Vernutzung abstrakter Arbeit auch formell \u00fcberhaupt nichts mehr zu tun haben. Eine solche spekulative Bewegung setzt immer dann im gro\u00dfen gesellschaftlichen Ma\u00dfstab ein, wenn die betriebswirtschaftliche Realakkumulation des Kapitals an Grenzen st\u00f6\u00dft und die Gewinne aus vergangenen Produktionsperioden nicht mehr ausreichend f\u00fcr eine erweiterte reale Warenproduktion investiert werden k\u00f6nnen, sondern rein im Finanzsystem angelegt werden m\u00fcssen. Der Druck in Richtung einer unmittelbaren Bewegung G-G&rsquo; w\u00e4chst dann so stark an, da\u00df bei den Aktien die spekulative Wertsteigerung der Kurse die realen Dividenden zu \u00bbPeanuts\u00ab herabstuft; das Kurs\/Gewinn-Verh\u00e4ltnis l\u00e4uft aus dem Ruder. Solche spekulativen Blasen aus der fiktiven Wertsteigerung von Eigentumstiteln hat es mehrfach in der kapitalistischen Geschichte gegeben, und jedesmal endeten sie unvermeidlich mit einem gro\u00dfen Finanzkrach.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>2. Die historisch zunehmende Abh\u00e4ngigkeit des Realkapitals vom Kredit<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"q6\"><\/a><a name=\"q7\"><\/a><a name=\"q8\"><\/a> Die \u00bbBedingung der M\u00f6glichkeit\u00ab f\u00fcr das Abheben des Geldes von seiner realen Arbeits-Substanz ist umso mehr gegeben, je gr\u00f6\u00dfer der Anteil des zinstragenden Kapitals an der gesamten Reproduktion ist. Historisch kann in dieser Hinsicht tats\u00e4chlich eine Verlagerung zugunsten des Kredits beobachtet werden. Die allm\u00e4hliche Ausdehnung der betriebswirtschaftlichen Rationalit\u00e4t zum fl\u00e4chendeckenden Prinzip der Produktion, deren Verwissenschaftlichung und die dadurch im s\u00e4kularen Ma\u00dfstab steigende Kapitalintensit\u00e4t (d.h. immer h\u00f6here Vorauskosten f\u00fcr eine konkurrenzf\u00e4hige Warenproduktion) sowie die damit einhergehende Ausdehnung des anonymen Aktienkapitals erforderten immer gr\u00f6\u00dfere Massen von Kreditgeld, um die kapitalistische Produktionsweise \u00fcberhaupt noch in Gang halten zu k\u00f6nnen.<br \/>\nAuf der Stufe des von heute aus gesehen geradezu archaischen Privatkapitals im 19. Jahrhundert mit seinen pers\u00f6nlichen patriarchalischen Eigent\u00fcmern und den dazugeh\u00f6rigen Familienclans<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#6\">6<\/a> waren noch Prinzipien der Seriosit\u00e4t und \u00bbSolvenz\u00ab g\u00fcltig, die eine st\u00e4ndige gr\u00f6\u00dfere Kreditaufnahme geradezu als unanst\u00e4ndig und als \u00bbAnfang vom Ende\u00ab erscheinen lie\u00dfen; die damalige Trivialliteratur ist voll von Geschichten, in denen \u00bbgro\u00dfe H\u00e4user\u00ab durch Abh\u00e4ngigkeit vom Kredit zugrunde gerichtet werden, und Thomas Mann hat dieses Sujet in einigen Passagen seiner \u00bbBuddenbrooks\u00ab bis zum Nobelpreis hochgefahren. Nat\u00fcrlich war das zinstragende Kapital als solches von Anfang an unentbehrlich f\u00fcr das sich herausbildende System, aber es erreichte noch keinen entscheidenden Anteil an der kapitalistischen Gesamtreproduktion; und namentlich die Gesch\u00e4fte des \u00bbfiktiven Kapitals\u00ab galten sozusagen als Gauklerszene der Hochstapler und \u00bbunehrlichen Leute\u00ab am Rande des eigentlichen Kapitalismus (an die sich freilich auch damals schon bei Spekulationswellen die Honoratioren des B\u00fcrgertums anschlossen). Noch Henry Ford lehnte lange Zeit eine Kreditaufnahme seines Unternehmens bei den Banken ab und wollte seine Investitionen nur aus Eigenkapital finanzieren.<br \/>\nDieser noch eher patriarchalische Begriff der Solvenz hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts gr\u00fcndlich verfl\u00fcchtigt, weil er ganz einfach auch im normalen kapitalistischen Gesch\u00e4ftsleben nicht mehr durchgehalten werden konnte. Die marxistischen Theorien von der neuen Macht des \u00bbFinanzkapitals\u00ab (Hilferding, Lenin u.a.) nach der Jahrhundertwende waren schon Reflex auf einen Entwicklungsproze\u00df, in dem das betriebswirtschaftliche Realkapital strukturell von seiner eigenen Grundlage der abstrakten Arbeit abzuheben begann; auch wenn die Marxisten der alten Arbeiterbewegung weniger den eigentlichen \u00f6konomischen Inhalt (n\u00e4mlich als aufscheinende Grenze der Wert-\u00d6konomie selbst) reflektierten, sondern nur die Ver\u00e4nderung der kapitalistischen Oberfl\u00e4chenstruktur und der soziologischen Machtverh\u00e4ltnisse wahrnahmen.<br \/>\nDieses Abheben des Kreditsystems l\u00e4\u00dft sich als wachsendes strukturelles Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen verwissenschaftlichtem Sachkapital und noch anwendbarer rentabler Arbeitsmasse beschreiben; die s\u00e4kular ansteigende Kapitalintensit\u00e4t (bei Marx als \u00bbwachsende organische Zusammensetzung\u00ab des Kapitals figurierend) erfordert immer mehr Einsatz von Geldkapital, um immer weniger Arbeit pro Kapitaleinheit mobilisieren zu k\u00f6nnen. Dieser krisentheoretisch fa\u00dfbare Sachverhalt dr\u00fcckt sich auch auf der monet\u00e4ren Ebene als die dargestellte wachsende Bedeutung des zinstragenden Kapitals aus. Mit anderen Worten: das \u00bbfungierende\u00ab reelle Betriebskapital, das abstrakte Arbeit in tats\u00e4chlicher Warenproduktion anwendet, mu\u00df in steigendem Ma\u00dfe auf geliehenes Geldkapital aus dem Bankensystem zur\u00fcckgreifen, um den bereits akkumulierten Wert noch weiterverwerten zu k\u00f6nnen. Die sogenannte Eigenkapitalquote ist daher \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume hinweg drastisch gesunken; sie liegt heute, von Ausnahmen abgesehen, durchwegs unter 50 Prozent.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#7\">7<\/a> Das bedeutet nichts anderes, als da\u00df das reale Betriebskapital immer mehr zuk\u00fcnftige vernutzte Arbeitsmengen (zu erwartende Gewinne) im voraus verpf\u00e4nden mu\u00df, um aktuell weiterproduzieren zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDas real warenproduzierende Kapital saugt also gewisserma\u00dfen seine eigene (fiktive) Zukunft an und verl\u00e4ngert damit auf einer Meta-Ebene sein Leben \u00fcber die bereits aufscheinende innere Schranke hinaus. Das funktioniert nur, solange sich die Produktionsweise als solche noch ausdehnt (wie es bis zum letzten Drittel des 20. Jahrhunderts der Fall war) und die fiktional vorweggenommene zuk\u00fcnftige Wertmasse auch tats\u00e4chlich wenigstens insoweit nachfolgt, als damit die Kredite verzinst werden k\u00f6nnen. Da\u00df aber die s\u00e4kular steigenden Kapital-Investitionen grunds\u00e4tzlich und im gesellschaftlichen Durchschnitt nicht mehr aus eigenen Mitteln, also nicht mehr aus der realen Profitmasse vollfinanziert werden k\u00f6nnen, ist ein starkes Indiz f\u00fcr den prek\u00e4r werdenden Charakter der ganzen Veranstaltung. Diese strukturelle Verschiebung zugunsten des zinstragenden Kapitals ist zwar noch nicht dasselbe wie die direkte Bedienung von Krediten mit anderen Krediten; aber dennoch wird die reale Akkumulationsbewegung indirekt abh\u00e4ngig von den konzentrierten Spar- geldern der Gesellschaft.<br \/>\nF\u00fcr das Absaugen dieser Gelder in die Vorfinanzierung des Akkumulationsprozesses mu\u00df ihren Eignern ein Anreiz geboten werden, d.h. das Zinsniveau mu\u00df nicht nur akut und zyklisch bei vor\u00fcbergehender Knappheit an Geldkapital (als Folge einer Verschleierung der Krise in der realen Warenproduktion durch Kredite), sondern s\u00e4kular und strukturell ansteigen, was zumindest nach dem Zweiten Weltkrieg tats\u00e4chlich durch die starken zyklischen Schwankungen hindurch als langfristiger Trend beobachtet werden kann; konterkariert wird dieser s\u00e4kulare Anstieg nur durch eine enthemmte Liquidit\u00e4tssch\u00f6pfung des Zentralbankensystems, womit allerdings der Entkoppelungsproze\u00df des Geldes von der kapitalproduktiven Grundlage sich beschleunigt und der Zinsdruck dennoch nur zeitweilig sich lockert. Schon auf dieser Ebene wird also sichtbar, da\u00df der zyklische Proze\u00df allm\u00e4hlich von einer strukturellen Ersch\u00f6pfung eingeschn\u00fcrt wird.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#8\">8<\/a> Die hinausgeschobene strukturelle Grenze des gesamten Verwertungsprozesses mu\u00df sich irgendwann auf der Ebene des Geldkapitals neu aufrichten, d.h. die reale Produktion durch die Verteuerung (und schlie\u00dflich die Krise) des Geldes ausbremsen. Gleichzeitig werden die Kapitalien der realen Warenproduktion anf\u00e4lliger f\u00fcr die Schwankungen der Geldm\u00e4rkte; auf den Geldm\u00e4rkten wiederum verbessern sich durch die wachsende gesellschaftliche Bedeutung des zinstragenden Kapitals die Bedingungen f\u00fcr spekulative Entkoppelungsbewegungen \u00fcber die bekannten historischen Beispiele hinaus. Mit einem Wort: der industrielle Kapitalismus wird aufgrund seiner eigenen inneren Entwicklung in zunehmendem Ma\u00dfe \u00bbunseri\u00f6s\u00ab nach seinen eigenen Kriterien.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>3. Die terti\u00e4re Revolution<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"q9\"><\/a><a name=\"q10\"><\/a><a name=\"q11\"><\/a><a name=\"q12\"><\/a><a name=\"q13\"><\/a><a name=\"q14\"><\/a><a name=\"q15\"><\/a><a name=\"q16\"><\/a> Die bisherige Argumentation bezog sich ausschlie\u00dflich auf den Entwicklungsproze\u00df des industriellen Kapitals bzw. das Verh\u00e4ltnis von realer industrieller Warenproduktion und zinstragendem Geldkapital. \u00dcber diese basale Struktur hat sich jedoch im Laufe des 20. Jahrhunderts (und in gesteigertem Tempo nach dem Zweiten Weltkrieg) ein stetig wachsender \u00bbterti\u00e4rer Sektor\u00ab der sogenannten Dienstleistungen gelegt. Daraus haben \u00d6konomen und Gesellschaftstheoretiker auf die allm\u00e4hliche Herausbildung eines \u00bbpostindustriellen\u00ab Dienstleistungskapitalismus geschlossen (Jean Fourasti\u00e9, Daniel Bell u.a.). Wie der \u00bbprim\u00e4re Sektor\u00ab der Landwirtschaft seine Bedeutung an den \u00bbsekund\u00e4ren Sektor\u00ab der Industrie verloren habe, so gebe nun eben die Industrie ihrerseits den Staffelstab der Reproduktionssektoren an den \u00bbterti\u00e4ren Sektor\u00ab der Dienstleistungen weiter.<br \/>\nDiese oberfl\u00e4chliche Betrachtung \u00fcbersieht jedoch v\u00f6llig, da\u00df es sich beim ersten der genannten gro\u00dfen Wandlungsprozesse in der Reproduktionsstruktur keineswegs um eine innerkapitalistische Entwicklung gehandelt hat, sondern vielmehr um die Herausbildungs- und Durchsetzungsgeschichte des Kapitalismus selbst. Nicht blo\u00df die Technik und der materielle Inhalt der Produktion haben sich dabei ge\u00e4ndert, sondern auch die elementaren gesellschaftlichen Beziehungsformen wurden in einer langen, schmerzhaften und turbulenten Transformation umgest\u00fcrzt. Die vorindustrielle Agrargesellschaft kannte wohl das Kaufmanns- und das zinstragende Kapital als Nischenformen, aber keine produktive Kapitalverwertung; es gab M\u00e4rkte, aber keine Marktwirtschaft; und es gab Geld, aber keine Geldwirtschaft. Der Zusammenhang von Ware und Geld als geschlossenes System der Reproduktion entstand erst mit der Verwandlung von Produktionsmitteln und menschlicher Arbeitskraft in industrielles Kapital.<br \/>\nWenn nun ein \u00e4hnlich tiefgreifender historischer Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft auf der Tagesordnung steht, so ist eigentlich zu erwarten, da\u00df dieser ebensowenig auf eine blo\u00df sektorale Umgruppierung innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Beziehungsformen von allgemeiner Markt- und Geldwirtschaft beschr\u00e4nkt bleiben wird. Mit anderen Worten: der gesellschaftliche Bedeutungsverlust des industriellen \u00bbSektors\u00ab k\u00f6nnte identisch sein mit einem krisenhaften Bedeutungsverlust der kapitalistischen Markt- und Geldform als allgemeiner Reproduktionsform; ganz genauso, wie einst das Schrumpfen des agrarischen \u00bbSektors\u00ab identisch war mit einem krisenhaften Schrumpfen der nicht-warenf\u00f6rmigen Subsistenzwirtschaft und der Feudalbeziehungen. Aus dieser Sicht, in der die Tiefe des Strukturwandels ernst genommen wird, erscheint die kapitalistische Produktionsweise als identisch mit dem Aufstieg des industriellen Systems; und folglich die \u00bbterti\u00e4re Revolution\u00ab als der Abstieg und das Ende des Kapitalismus selbst, der ebensowenig wie die alte Agrargesellschaft f\u00fcr die Ewigkeit gemacht ist.<br \/>\nDarstellbar w\u00e4re eine solche These nur aus dem unterschiedlichen historischen Charakter der jeweiligen T\u00e4tigkeit in den verschiedenen Sektoren. Entscheidend f\u00fcr die kapitalistische Reproduktion ist dabei der Begriff der \u00bbproduktiven Arbeit\u00ab; ein Attribut, das logisch sein Gegenteil impliziert, also \u00bbunproduktive Arbeit\u00ab. In der historischen Abgrenzung nach r\u00fcckw\u00e4rts, gegen\u00fcber subsistenzwirtschaftlichen bzw. feudalen Verh\u00e4ltnissen, ist vom kapitalistischen Standpunkt aus alle Arbeit \u00bbunproduktiv\u00ab, weil (noch) nicht der Kapitalverwertung dienend; strenggenommen handelt es sich dabei \u00fcberhaupt nicht um \u00bbArbeit\u00ab, da diese Abstraktion reproduktiver T\u00e4tigkeit \u00fcberhaupt erst zusammen mit dem modernen warenproduzierenden System entstand.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#9\">9<\/a> Innerhalb dieses Systems nun ist zwar alle T\u00e4tigkeit, die f\u00fcr Geld geleistet wird, bzw. in irgendeinem Kontext der Geldverwertung steht, <i>formell<\/i> gesehen abstrakte Arbeit. Damit aber ist noch nicht gesagt, da\u00df sie dies auch in einem <i>substantiellen<\/i> Sinne ist. Nur \u00bbproduktive\u00ab (d.h. kapitalproduktive) Arbeit, die tats\u00e4chlich Mehrwert sch\u00f6pft, ist auch substantiell abstrakte Arbeit, deren Energieveraus- gabung real die kapitalistische Reproduktion tr\u00e4gt.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#10\">10<\/a><br \/>\nEs scheint zun\u00e4chst schwer vorstellbar, wie diese Unterscheidung analytisch klar durchgehalten werden soll, ohne in willk\u00fcrliche Annahmen zu verfallen. Die Marxsche Theorie h\u00e4lt daf\u00fcr kein Instrumentarium bereit, das zu eindeutigen Aussagen f\u00fchren k\u00f6nnte; und dementsprechend unentschieden ist die (insgesamt sp\u00e4rliche) marxistische Debatte \u00fcber \u00bbproduktive und unproduktive Arbeit\u00ab geblieben.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#11\">11<\/a> Es m\u00fcssen also Kriterien benannt werden, nach denen die Differenzierung zwischen blo\u00df formeller und substantieller Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im warenproduzierenden System \u00fcberhaupt m\u00f6glich wird. Dabei ist zun\u00e4chst zwischen produktiver\/unproduktiver Arbeit in einem <i>absoluten<\/i> und in einem blo\u00df <i>relativen<\/i> Sinne zu unterscheiden.<br \/>\nIn absoluter Hinsicht unproduktiv ist eine Arbeit im warenproduzierenden System dann, wenn sie zwar gegen Geldlohn verrichtet wird und im Kontext der geldf\u00f6rmigen Reproduktion steht, aber entweder selber keine Waren produziert (d.h. nicht in die Warenproduktion als solche eingeht) oder die von ihr dargestellten Quasi-Produkte nur formellen, nicht aber substantiellen Warencharakter annehmen. Es w\u00e4re nun eine allzu krude Scheinl\u00f6sung des Problems, den substantiellen Warencharakter an der \u00bbmateriellen\u00ab Handfestigkeit des Produkts festmachen zu wollen, also etwa die Arbeit f\u00fcr die Produktion von Waschmaschinen oder Autos f\u00fcr \u00bbproduktiv\u00ab zu erkl\u00e4ren, die Arbeit des Friseurs, des Schalterbeamten oder des Polizisten hingegen deswegen als \u00bbunproduktiv\u00ab darzustellen, weil die \u00bbProdukte\u00ab Haarschnitt, Briefabfertigung oder \u00bbSicherheit\u00ab nicht als materielle im engeren Sinne greifbar sind. Bestenfalls eine Ahnung des Problems kann bei einer solchen theoretischen Bestimmung aufscheinen, deren Hintergrund aber nur allzu deutlich noch der produktivistische Vulg\u00e4rmaterialismus der alten (industriellen) Arbeiterbewegung mit ihrem falschen Stolz auf das industriekapitalistische Produkt ist.<br \/>\nMit einer positivistischen Definition des unmittelbaren, isolierten Einzelfalls ist dem Problem \u00fcberhaupt nicht beizukommen. Vielmehr ist der Charakter der \u00bban sich\u00ab unproduktiven Arbeit nur aus dem Reproduktionsproze\u00df des Kapitals herzuleiten, in dem die abstrakte Arbeit verschiedene Umwandlungs- und Darstellungsformen durchl\u00e4uft. Der unproduktive Charakter bestimmter Arbeiten braucht nicht \u00e4u\u00dferlich durch willk\u00fcrliche Definitionen bestimmt werden; er mu\u00df vielmehr durch den Stellenwert als \u00bbKostenfaktor\u00ab im Kalk\u00fcl selbst nachweisbar auftauchen. Die kapitalistisch unproduktiven Arbeitsmengen und ihre Bezahlung erscheinen als \u00bbfaux frais\u00ab (Marx), als tote Kosten. Dabei ist allerdings zu differenzieren zwischen der Ebene des <i>Einzelkapitals<\/i> und der Ebene des <i>Gesamtkapitals<\/i>. Einzelkapitalistisch (auf Betriebsebene) ist die unproduktive, aber notwendige Arbeit leicht nachzuweisen in Gestalt der \u00bbGemeinkosten\u00ab etwa f\u00fcr Personalverwaltung, Lohnabrechnung, Putzfrauen usw. Diese T\u00e4tigkeiten sind zwar in einem technisch-organisatorischen Sinne unerl\u00e4\u00dflich f\u00fcr das allgemeine Funktionieren des Betriebs; sie gehen jedoch nicht in dessen eigentliche Warenproduktion (z.B. die Herstellung von Autos oder Klob\u00fcrsten) substantiell ein, obwohl sie nat\u00fcrlich ebenso wie die Arbeit der eigentlichen betrieblichen Warenproduktion entlohnt werden m\u00fcssen.<br \/>\nIm einzelkapitalistischen Sinne erscheint der unproduktive Charakter dieser Arbeiten jedoch nicht absolut (\u00bban sich\u00ab), sondern insofern relativ, als die unproduktiven \u00bbGemeinkosten\u00ab des einen Unternehmens als substantielle Dienstleistungs-Warenproduktion eines zweiten Unternehmens erscheinen k\u00f6nnen, das sich auf diese Leistung f\u00fcr andere Unternehmen spezialisiert hat; etwa eine Firma, die Putzkolonnen besch\u00e4ftigt und dieses \u00bbProdukt Putzen\u00ab anderen Firmen anbietet. Betriebswirtschaftlich gesehen macht nun die Putzarbeit, die in einem Unternehmen der Automobilproduktion unproduktiv ist, umgekehrt die produktive Arbeit des Dienstleistungs-Unternehmens aus, geht also in dessen substantielle Warenproduktion ein, w\u00e4hrend die Arbeit der Angestellten in der Lohnabrechnung der Putzkolonnen-Firma wiederum zu deren unproduktiven \u00bbGemeinkosten\u00ab geh\u00f6rt. Nun kann z.B. eine dritte Firma ihrerseits die Lohnabrechnung f\u00fcr jede Art von Unternehmen zu ihrer speziellen Dienstleistungs-Ware machen und diese anbieten, womit dann auch die Lohnabrechnung f\u00fcr diesen speziellen Dienstleister im betriebswirtschaftlichen Sinne zur produktiven Arbeit wird. So ist eine ganze Staffelung denkbar; und tats\u00e4chlich macht die Auslagerung von unter \u00bbGemeinkosten\u00ab verbuchten Arbeiten an Dienstleistungs-Unternehmen einen der gro\u00dfen Trends zur Tertiarisierung aus: aufgrund ihrer Spezialisierung k\u00f6nnen die Dienstleister rationalisieren und daher so billig anbieten, da\u00df sich die betriebsinterne Eigenorganisation dieser Arbeiten nicht mehr lohnt.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#12\">12<\/a><br \/>\nScheinbar verwandelt also die Tertiarisierung im bisher behandelten Sinne unproduktive in produktive Arbeit, rein durch die formelle Verselbst\u00e4ndigung als eigene Unternehmen.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#13\">13<\/a> Anders verh\u00e4lt es sich jedoch auf der Ebene des <i>Gesamtkapitals<\/i>, die freilich im Kalk\u00fcl der sogenannten Wirtschaftssubjekte nicht unmittelbar in Erscheinung tritt, dennoch aber theoretisch und analytisch rekonstruiert werden kann. Zun\u00e4chst w\u00e4re zu sagen, da\u00df die unproduktiven \u00bbGemeinkosten\u00ab auf der Ebene des Gesamtkapitals wiedererscheinen, also die einzelbetrieblichen Auslagerungen und Umgruppierungen innerhalb der Gesamt-Reproduktion sich sozusagen wieder \u00bbherausrechnen\u00ab. Die unproduktiven \u00bbGemeinkosten\u00ab k\u00f6nnen zwar durch die Auslagerung auf selbst\u00e4ndige Unternehmen aus den genannten Gr\u00fcnden gesenkt werden; sie bleiben jedoch gesamtgesellschaftlich ein Abzug vom Gesamt-Mehrwert und k\u00f6nnen diesem nicht etwa hinzuaddiert werden. Die Darstellung von \u00bbKosten\u00ab (des mehrwertsch\u00f6pfenden Unternehmens) als \u00bbGewinne\u00ab (des dienstleistenden Unternehmens) verschwindet auf der Ebene des Gesamtkapitals wieder. Marx hat dies exemplarisch an den Kosten der rein kommerziellen Transaktionen (Kauf\/Verkauf, Geldverkehr etc.) gezeigt: ein gro\u00dfer Teil der Arbeiten im Einzelhandel und die gesamte Arbeit im Banken-, Kredit- und Versicherungssystem etc. ebenso wie im juristischen \u00bb\u00dcberbau\u00ab ist \u00bban sich\u00ab unproduktiv, weil sie Ware-Geld-Beziehungen blo\u00df \u00bbvermittelt\u00ab, ohne substantiell Warenproduktion zu sein. Die in diesen Sektoren besch\u00e4ftigten Lohnarbeiter erwirtschaften zwar einen betriebswirtschaftlichen Gewinn; tats\u00e4chlich vermittelt ihre T\u00e4tigkeit jedoch nur die Umverteilung des allein in den produktiven Sektoren gesch\u00f6pften Mehrwerts innerhalb der Einzelkapitalien: das kommerzielle Kapital eignet sich durch diese unproduktive Vermittlungsarbeit einen Teil des Gesamtmehrwerts an (vgl. dazu ausf\u00fchrlich Kapital Bd. 2 und 3).<br \/>\nWas aber ist nun das entscheidende \u00f6konomische Kriterium, das es erlaubt, auf der Ebene des Gesamtkapitals (d.h. bereinigt um die einzelkapitalistische Verzerrung) den Charakter der produktiven\/unproduktiven Arbeit begrifflich zu bestimmen? Die Differenzierung zwischen \u00bbeigentlicher\u00ab Wertsch\u00f6pfung und \u00bbblo\u00df vermittelnder\u00ab T\u00e4tigkeit (im kommerziellen, monet\u00e4ren oder juristischen Sinne) reicht daf\u00fcr nicht aus, weil sie immer noch an der unmittelbaren Definition der einzelnen Arbeitsverausgabung klebt. Diese Bestimmung kann also nur den \u00e4u\u00dferen Grund daf\u00fcr angeben, warum eine T\u00e4tigkeit unter die unproduktive Arbeit zu rechnen ist, nicht jedoch deren \u00f6konomischen Begriff selbst. Ein auf den Vermittlungsproze\u00df der gesamtkapitalistischen Reproduktion bezogener Begriff der produktiven\/unproduktiven Arbeit kann letztlich nur <i>kreislauftheoretisch<\/i> gewonnen werden. Damit ist folgendes gemeint: kreislauftheoretisch ist nur diejenige Arbeit kapitalproduktiv, deren Produkte (und damit ihre Reproduktionskosten) in den Akkumulationsproze\u00df des Kapitals zur\u00fcckkehren, d.h. deren <i>Konsumtion<\/i> wieder in die erweiterte Reproduktion eingespeist wird. Nur diese Konsumtion ist nicht blo\u00df unmittelbar, sondern auch reproduktiv vermittelt eine \u00bbproduktive Konsumtion\u00ab.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#14\">14<\/a> Das ist zum einen dann der Fall, wenn Produkte der Konsumg\u00fcterindustrie von ihrerseits kapitalproduktiven Arbeitern verzehrt werden, deren Konsum nicht etwa verf\u00e4llt, sondern in Form des \u00bbFeuers\u00ab kapitalproduktiver Energie wieder in einen neuen Produktionszyklus des Mehrwerts zur\u00fcckkehrt. Alle Konsumg\u00fcter hingegen, die von unproduktiven Arbeitern oder Nicht-Arbeitern (Kindern, Rentnern, Kranken usw.) verzehrt werden und deren Verbrauch also nicht wieder in Form erneuerter Energie in die Mehrwertsch\u00f6pfung zur\u00fcckkehrt, ist auch gesamtgesellschaftlich nichts als Konsum, der spurlos verschwindet und nicht die kapitalistische Reproduktion tr\u00e4gt. Dasselbe gilt dann f\u00fcr die Produktion der Investitionsg\u00fcter: auch diese Arbeit ist nur dann kreislauftheoretisch produktiv, wenn der Konsum ihrer Produkte seinerseits wieder im Kontext der Mehrwertsch\u00f6pfung stattfindet, also in den Produktionszyklus des Mehrwerts zur\u00fcckkehrt. Alle Investitionsg\u00fcter hingegen, deren Verbrauch au\u00dferhalb der Mehrwertproduktion stattfindet, geh\u00f6ren wiederum gesamtgesellschaftlich dem reinen Konsum an, der nicht mehr kapitalproduktiv wiedererscheint, sondern aus der Reproduktion des Gesamtkapitals und dessen Akkumulationsbewegung \u00bbherausf\u00e4llt\u00ab.<br \/>\nDieser kreislauftheoretische Begriff von produktiver\/unproduktiver Arbeit mag dem positivistisch verseuchten definitorischen Denken ungew\u00f6hnlich erscheinen; er erlaubt es aber, das Problem jenseits einer kruden \u00bbMaterialit\u00e4t\u00ab der produzierten Ware aufzul\u00f6sen. Aus dieser Sicht w\u00e4re also die Arbeit des Verwaltungsbeamten oder des Polizisten grunds\u00e4tzlich unproduktiv, weil die Konsumtion ihrer \u00bbProdukte\u00ab (egal ob staatlich oder kommerziell organisiert) von vornherein in keinster Weise in die \u00bbproduktive Konsumtion\u00ab eingeht. Unproduktiv ist aber auch die Produktion des \u00bbLeopard\u00ab bei Krauss-Maffei, obwohl es sich dabei um eine mehr als handfeste Ware handelt; denn die Konsumtion von Panzern (die daf\u00fcr verausgabte Energie von \u00bbNerv, Muskel, Hirn\u00ab) kann beim besten Willen nicht im Zyklus der Mehrwertsch\u00f6pfung wiedererscheinen, sondern \u00bbf\u00e4llt heraus\u00ab. Unproduktiv ist dann auch der Stra\u00dfenbau, weil der Konsum der Stra\u00dfen nicht seinerseits \u00bbproduktive Konsumtion\u00ab der Mehrwertsch\u00f6pfung ist, sondern in der Regel ebenfalls \u00bbherausf\u00e4llt\u00ab. Produktiv w\u00e4re die Arbeit des Friseurs, soweit er produktiven Arbeitern die Haare schneidet (was zu den Erneuerungskosten ihrer kapitalproduktiven Energie geh\u00f6rt); unproduktiv hingegen dieselbe Dienstleistung, wenn sie an unproduktiven Arbeitern vollzogen wird. Aber auch die Produktion von Autos, K\u00fchlschr\u00e4nken und Waschmaschinen ist in all den F\u00e4llen unproduktiv, in denen diese Produkte von unproduktiven Arbeitern konsumiert werden und somit die daf\u00fcr verausgabte Energie aus dem Reproduktionsproze\u00df des Gesamtkapitals wiederum rein konsumtiv \u00bbherausf\u00e4llt\u00ab.<br \/>\nMit anderen Worten: Kapitalismus ist substantiell nur m\u00f6glich, wenn ein hinreichend gro\u00dfer (und zusammen mit der Kapitalakkumulation wachsender) Teil der \u00bbBesch\u00e4ftigung\u00ab im Kontext der Ware-Geld-Beziehungen eine in sich vermittelte und verzahnte Identit\u00e4t von \u00bbproduktiver Konsumtion\u00ab herstellen kann, in der Produktion und Konsumtion des \u00bbWerts\u00ab so ineinandergreifen, da\u00df Fetisch-Form und Fetisch-Substanz in gen\u00fcgendem Umfang \u00fcbereinstimmen. Rosa Luxemburg ist \u00fcbrigens an diese Fragestellung herangekommen, konnte diese jedoch nicht entwickeln, weil sie ihre Argumentation auf die Oberfl\u00e4chenebene der (zirkulativen) \u00bbRealisation\u00ab des Mehrwerts beschr\u00e4nkte, statt den Sachverhalt vom inneren Reproduktionszyklus des Kapitals selbst (der auf der Marktebene nur indirekt \u00bberscheint\u00ab) und damit von den Kategorien der produktiven\/unproduktiven Arbeit her aufzurollen. Immerhin verweist ihre These einer zunehmenden Abh\u00e4ngigkeit der Kapitalakkumulation vom Geldeinkommen \u00bbdritter Personen\u00ab (d.h. von au\u00dferhalb der eigentlichen produktiven Reproduktion des Kapitals) auf das Problem. Freilich sah Rosa Luxemburg zeitbedingt diese \u00bbdritten Personen\u00ab noch eher im Kontext einer vor- bzw. nichtkapitalistischen Warenproduktion (Bauern, Handwerker, Kolonien), deren Kaufkraft den (wegen der strukturbedingten industrieproletarischen \u00bbUnterkonsumtion\u00ab) zu eng werdenden kapitalistischen Markt speisen m\u00fcsse. Der Kapitalismus erscheint so rein auf der Ebene der Marktrealisation als von nichtkapitalistischen Sektoren der Produktion bzw. von nichtkapitalistischen Gebieten der Erde abh\u00e4ngig; seine absolute Schranke m\u00fcsse er demzufolge in demselben Ma\u00dfe erreichen, wie er selber diese Sektoren und Gebiete aufsaugt und sich anverwandelt. Zwar erw\u00e4hnt Rosa Luxemburg nebenbei unter den \u00bbdritten Personen\u00ab auch die Staatsbeamten; sie kommt jedoch noch nicht auf die Idee, da\u00df die strukturelle Schranke des Kapitals gerade umgekehrt zu ihrer Argumentation darin bestehen k\u00f6nnte, da\u00df es aus seiner eigenen Dynamik heraus eine wachsende Anzahl von unproduktiven Sektoren und \u00bbdritten Personen\u00ab erzeugt, deren Einkommen und Konsum jedoch eben deswegen zur wachsenden und schlie\u00dflich untragbaren Kostenbelastung der Kapitalreproduktion wird.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#15\">15<\/a><br \/>\nTats\u00e4chlich stellt sich das von Rosa Luxemburg erkannte, jedoch sozusagen verkehrt herum aufgerollte Problem genau in dieser Form dar: der Anteil der nicht mehr in den Kreislauf der erweiterten Reproduktion des Kapitals zur\u00fcckkehrenden Verausgabung von Arbeitskraft w\u00e4chst strukturell so stark an, da\u00df die Schmerzgrenze schlie\u00dflich historisch \u00fcberschritten wird. Ironisch k\u00f6nnte man sagen, da\u00df die \u00bbGesch\u00e4ftskosten\u00ab oder \u00bbGemeinkosten\u00ab der famosen Marktwirtschaft derart \u00fcberproportional ansteigen, da\u00df sie schlie\u00dflich als solche nach ihren eigenen Kriterien unrentabel wird. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr, warum die meisten der strukturell anwachsenden terti\u00e4ren Arbeiten nicht in die Mehrwertproduktion als \u00bbproduktive Konsumtion\u00ab zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen, m\u00f6gen verschieden sein; teilweise liegen sie in der Natur oder Art dieser Arbeiten selber, teilweise handelt es sich um \u00e4u\u00dfere Schranken.<br \/>\nIst es etwa bei den rein kommerziellen, juristischen und monet\u00e4ren Transaktionsarbeiten ihr von Marx genannter reiner Vermittlungscharakter, der es ihnen (obwohl ihre \u00bbProdukte\u00ab auf dem Markt erscheinen) verbietet, in die substantielle Mehrwertproduktion einzugehen bzw. zur\u00fcckzukehren, so k\u00f6nnen andere \u00bbProdukte\u00ab von vornherein nicht einmal Warenform annehmen, weil ihr Konsum nicht privatisierbar ist (z.B. notwendige Ma\u00dfnahmen zur Luftreinhaltung); dennoch m\u00fcssen nat\u00fcrlich in einer totalen Geldwirtschaft auch diese Arbeiten bezahlt werden und auf dem Arbeitsmarkt erscheinen. Bei anderen Produkten (Stra\u00dfen, Kanalisation, Schulen, Krankenh\u00e4user usw.) ist zwar eine Privatisierung des Konsums (jeweils mehr oder weniger m\u00fchsam) im Prinzip m\u00f6glich; dann m\u00fc\u00dfte dieser Konsum jedoch f\u00fcr eine zahlungsf\u00e4hige Minderheit isoliert werden, was dem seiner Natur nach fl\u00e4chendeckenden Charakter einer <i>gesellschaftlichen Infrastruktur<\/i> widersprechen w\u00fcrde. Der Betrieb des gr\u00f6\u00dften Teils der Infrastruktur ist daher nicht als betriebswirtschaftliche Produktion f\u00fcr den Markt m\u00f6glich (dann m\u00fc\u00dften die Masseneinkommen 150 oder 200 oder 300 Prozent des marktwirtschaftlich erzielbaren Einkommens betragen). Wieder anders verh\u00e4lt es sich bei kommerziellen Sektoren wie dem Tourismus; hier mag es strittig sein, ob es sich um einen unproduktiven Luxuskonsum der wenigen reichen L\u00e4nder handelt, der nur \u00fcber deren besondere Potenz in der Aneignung und Umverteilung von Welt-Mehrwert vermittelt ist (immerhin machen drei Viertel der Menschheit keinen Tourismus), oder ob dieser Konsum teilweise (d.h. soweit er von produktiven Arbeitern genossen wird) in produktive Reproduktionskosten eingeht und damit in die Mehrwertproduktion zur\u00fcckkehrt.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#16\">16<\/a><br \/>\nDas hier aufscheinende Problem ist freilich wesentlich komplizierter, als es in den diversen \u00bbGerechtigkeits\u00ab-Diskursen den Anschein hat, die oft unterstellen, da\u00df den armen L\u00e4ndern ein Teil \u00bbihrer\u00ab Wertsch\u00f6pfung wom\u00f6glich qua politische Pression etc. weggenommen wird. In Wirklichkeit ist es gerade die \u00bbGleichheit\u00ab des Wertma\u00dfstabs, die dazu f\u00fchrt, da\u00df die kapitalschwachen L\u00e4nder relativ weniger Wertmasse als die kapitalstarken L\u00e4nder aneignen k\u00f6nnen. Das Bezugssystem sind nicht getrennte \u00bbnationale\u00ab Wertsch\u00f6pfungsprozesse, sondern die Wertsch\u00f6pfung des globalen Gesamtkapitals, deren Ma\u00dfstab der auf dem Weltmarkt g\u00fcltige Produktivit\u00e4tsstandard ist. Wie ein betriebswirtschaftliches Einzelkapital auf dem Markt nicht etwa einen \u00bbindividuellen\u00ab Wert nach Ma\u00dfgabe seiner tats\u00e4chlich aufgewendeten Arbeitszeit verg\u00fctet bekommt, sondern \u00fcber den erzielbaren Marktpreis nur einen Teil der gesamtgesellschaftlichen Wertsch\u00f6pfung nach Ma\u00dfgabe des gesellschaftlich g\u00fcltigen Produktivit\u00e4tsstandards, ebensowenig kann eine National\u00f6konomie auf dem Weltmarkt eine ihrem nationalen Arbeitsaufwand entsprechende Wertmasse hereinholen, sondern immer nur jenen Anteil der globalen Wertproduktion, der ihrer Produktivit\u00e4t entspricht; und diese ist bei kapitalschwachen L\u00e4ndern eben relativ geringer. Sowohl im Verh\u00e4ltnis von Einzelkapital und Gesamtkapital als auch im Verh\u00e4ltnis von National\u00f6konomie und Weltmarkt besteht die Paradoxie gerade darin, da\u00df diejenigen Unternehmen\/L\u00e4nder, die aufgrund ihrer relativ h\u00f6heren Produktivit\u00e4t am wenigsten Wert (d.h. fiktional \u00bbgeronnene Arbeit\u00ab) erzeugen, weil sie mit weniger Arbeit pro Produkt bzw. pro Kapitaleinsatz auskommen, sich in der Konkurrenz auf dem Markt das gr\u00f6\u00dfte St\u00fcck vom gesamt- bzw. weltkapitalistisch erzeugten realen (g\u00fcltigen) Wert aneignen k\u00f6nnen. Da\u00df dieser Proze\u00df der Konkurrenz in seinem Endstadium einer unmittelbaren Globalisierung des Kapitals die Wert- und Mehrwertproduktion als solche ad absurdum f\u00fchrt, steht auf einem anderen Blatt (dazu ausf\u00fchrlicher weiter unten).<br \/>\nWie auch immer: die Tourismus-\u00bbIndustrie\u00ab, jedenfalls der Massentourismus, stellt im Kontext globaler Mehrwert-Aneignung sicherlich mindestens eine Grauzone in der Aggregierung von produktiver und unproduktiver Arbeit dar. Auch wenn es sicherlich noch weitere Grenzf\u00e4lle, Grauzonen und \u00bbgemischte\u00ab Formen der T\u00e4tigkeit gibt, so steht doch fest, da\u00df sich insgesamt historisch der Anteil der kapitalistisch unproduktiven Arbeiten, die (vom Standpunkt der Mehrwertproduktion aus) nichts als gesellschaftlichen Konsum und somit \u00bbGemeinkosten\u00ab darstellen, unaufhaltsam erh\u00f6ht. Die Ursachen sind letztlich der konkurrenzvermittelte Proze\u00df der Verwissenschaftlichung einerseits und die wachsenden \u00bbReparaturkosten\u00ab an Mensch und Natur durch die \u00bbSystemsch\u00e4den\u00ab andererseits. Durch betriebswirtschaftliche Auslagerung und damit verbundene Rationalisierung von betrieblichen \u00bbGemeinkosten\u00ab kann zwar eine Kostensenkung der unproduktiven Arbeit erzielt werden; diese wird jedoch bei weitem \u00fcberkompensiert durch die totale strukturelle Expansion dieser \u00bbsachlich\u00ab notwendigen, jedoch substantiell nicht mehrwertproduzierenden Sektoren. Die kommerziellen, monet\u00e4ren und juristischen Transaktionskosten, die sekund\u00e4ren Kosten des unproduktiven Luxuskonsums, die Verwaltungskosten, die gesamtgesellschaftlichen Voraus- und (sozial-\u00f6kologischen) Folgekosten sowie die Kosten f\u00fcr die allgemeinen Rahmenbedingungen und f\u00fcr die Logistik der eigentlichen Mehrwertproduktion beginnen diese so stark zu \u00fcberwuchern, da\u00df sie daran zu ersticken beginnt.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>4. Tertiarisierung, zinstragendes Kapital und Staatskredit<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"q17\"><\/a><a name=\"q18\"><\/a><a name=\"q19\"><\/a> Um dieses Ersticken hinauszuz\u00f6gern, mu\u00df wiederum der Kredit einspringen, d.h. das zinstragende Kapital, dessen Anteil an der kapitalistischen Reproduktion damit noch einmal sprunghaft ansteigt. Denn zu den s\u00e4kular ansteigenden Kreditkosten der industriellen Mehrwertproduktion selbst, die dem wachsenden Anteil des Sachkapitals geschuldet sind, treten nun die ebenso s\u00e4kular ansteigenden Kreditkosten der allgemeinen Gesch\u00e4fts- und Rahmenbedingungen des totalen Marktsystems auf den genannten Ebenen. Damit versch\u00e4rft sich jedoch das Problem um ein Vielfaches; denn werden die steigenden Kreditgelder im ersten Falle wenigstens noch f\u00fcr die tats\u00e4chliche Mehrwertproduktion verwendet (auch wenn allm\u00e4hlich ein Mi\u00dfverh\u00e4ltnis von Kreditkosten und nachfolgendem Mehrwert zu entstehen droht), so mu\u00df der Kredit im zweiten Falle rein f\u00fcr kapitalistisch unproduktiven Konsum verpulvert werden. Soweit es sich dabei um kommerzielle unproduktive Sektoren handelt, dr\u00fccken diese indirekt auf die gesamtgesellschaftliche Profitrate; soweit es sich um staatlich vermittelte Sektoren der Infrastruktur, der sozial\u00f6kologischen Folgekosten usw. handelt, entsteht ein direkter Abgabendruck auf die L\u00f6hne und Gewinne bzw. der Staat mu\u00df eben selber zum Mittel des Kredits greifen, weil seine reellen Einnahmen nicht mehr ausreichen.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#17\">17<\/a> Insofern finden wir dann den wachsenden Anteil der unproduktiven Arbeit in verwandelter Form auch wieder im Kalk\u00fcl der Wirtschaftssubjekte, und zwar als wachsenden Kostendruck (des staatlich vermittelten, z.B. auch als \u00bbLohnnebenkosten\u00ab erscheinenden Teils der gesellschaftlichen \u00bbGemeinkosten\u00ab), der bekanntlich nicht nur nach dem unternehmerischen Motto \u00bblerne klagen ohne zu leiden\u00ab bejammert wird, sondern auch tats\u00e4chlich zum Krisenproblem der gesellschaftlichen Reproduktion geworden ist.<br \/>\nGleichzeitig entsteht jedoch ein weiteres, theoretisch kaum beachtetes Ph\u00e4nomen. Denn in demselben Ma\u00dfe, wie der Anteil der unproduktiven Sektoren an der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion w\u00e4chst, verwandelt sich auch ein zunehmender Teil der industriellen Produktion selbst in eine strukturell unproduktive. Dieser Sachverhalt geht, wie gezeigt, erst aus einer kreislauftheoretischen Betrachtung hervor. Die unaufhaltsam wachsende, zunehmend nur noch aus dem immer weiter gestreckten Kreditgeld bezahlte Masse der unproduktiven Arbeiter mu\u00df nat\u00fcrlich essen, trinken und wohnen, f\u00e4hrt Auto, konsumiert Fernseher, K\u00fchlschr\u00e4nke usw. Da dieser Konsum jedoch in ihrem Fall kein produktiver ist und also nicht in die Mehrwertproduktion zur\u00fcckkehrt, bedeutet das nichts anderes, als da\u00df indirekt ein wachsender Teil der industriellen Produktion paradoxerweise nur noch am Tropf der kreditfinanzierten unproduktiven Sektoren h\u00e4ngt.<br \/>\nDie paradoxe Doppelb\u00f6digkeit besteht darin, da\u00df einerseits grunds\u00e4tzlich die unproduktiven Sektoren (\u00fcber welche Vermittlungen auch immer) in letzter Instanz aus der realen Mehrwertproduktion gespeist werden m\u00fcssen, andererseits jedoch die industrielle Produktion als zentraler Tr\u00e4ger der Mehrwertsch\u00f6pfung aufgrund des zunehmenden Konsums der unproduktiven Arbeiter selber immer weniger (oder nur noch scheinbar) reale Mehrwertproduktion ist und ihrerseits von den unproduktiven Einkommen gen\u00e4hrt wird. Die wirkliche Basis ist also bereits viel kleiner, als es den Anschein hat. Denn die entscheidende Differenzierung von produktiver und unproduktiver Arbeit ist nicht deckungsgleich mit den absoluten Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnissen von nomineller Industrieproduktion und \u00bbterti\u00e4rem Sektor\u00ab, sondern verl\u00e4uft (kreislauftheoretisch betrachtet) quer dazu. In Wahrheit ist die basale industrielle Produktion nicht nur in erster Potenz, d.h. hinsichtlich der Finanzierung ihres eigenen Sachkapitals, vom Kredit abh\u00e4ngig, sondern auch in zweiter Potenz, n\u00e4mlich von kreditfinanzierten Konsumg\u00fcterm\u00e4rkten.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#18\">18<\/a> Da\u00df dabei der lawinenartig gestiegene Staatskonsum bzw. Staatskredit eine Hauptrolle spielt, hat nat\u00fcrlich auch etwas damit zu tun, da\u00df der Staat (im Gegensatz zum privaten Kreditnehmer) als \u00bbinfallibler Schuldner\u00ab gilt, was aber wiederum nur hei\u00dft, da\u00df er im Falle einer gro\u00dfen Geld- und Kreditkrise nicht selbst bankrottieren kann, sondern stattdessen seine B\u00fcrger-Gl\u00e4ubiger schlicht enteignet.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/q19\">19<\/a><\/p>\n<p align=\"justify\"><b>5. Globalisierung und Phantom-Industrien<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"q20\"><\/a><a name=\"q21\"><\/a><a name=\"q22\"><\/a> Bisher wurde nur der Begriff der absolut (\u00bban sich\u00ab) unproduktiven Arbeit auf der Ebene des Gesamtkapitals dargestellt, wie er in seiner Vielschichtigkeit kreislauftheoretisch erschlossen werden kann. Ebenso w\u00e4chst jedoch auch historisch der Anteil der blo\u00df in einem relativen Sinne unproduktiven Arbeit innerhalb des Industriesystems an. In relativer Hinsicht unproduktiv ist eine warenproduzierende T\u00e4tigkeit ungeachtet ihres sonstigen Charakters bekanntlich dann, wenn ihre Produktivit\u00e4t (das Verh\u00e4ltnis von Arbeitsaufwand und Produktionsergebnis) unter den gegebenen gesellschaftlichen Standard (die gesellschaftliche Durchschnittsproduktivit\u00e4t) f\u00e4llt. Dabei kommt es nat\u00fcrlich auf den Bezugsraum dieses Standards an, d.h. ob dieser Raum die Region, die National\u00f6konomie oder der Weltmarkt ist. Eine regional beschr\u00e4nkte Warenproduktion ist meistens noch nicht v\u00f6llig nach betriebswirtschaftlicher Rationalit\u00e4t durchorganisiert und steht nur indirekt mit der Verwertung des Kapitals in Beziehung (sogenannte kleine Warenproduktion, Handwerk, Reparaturbetriebe etc.). Der Druck eines st\u00e4ndig h\u00f6her geschraubten gesellschaftlichen Standards ist auf dieser Ebene noch nicht oder nur in geringem Ma\u00dfe wirksam. Erst auf der Ebene der historisch herausgebildeten koh\u00e4renten National\u00f6konomien entsteht zusammen mit der \u00bbDurchschnittsprofitrate\u00ab auch eine gesellschaftliche Durchschnittsproduktivit\u00e4t in den einzelnen Sektoren, die zum Diktat f\u00fcr die Unternehmen wird.<br \/>\nWieder anders dagegen verh\u00e4lt es sich auf dem Weltmarkt. Hier bildet sich kein weltgesellschaftlicher Durchschnitt aus, sondern es setzt sich das Produktivit\u00e4tsniveau der h\u00f6chstentwickelten L\u00e4nder durch. Der Grund daf\u00fcr ist einfach der, da\u00df sich ein gesellschaftlicher Durchschnitt nur im Kontext <i>historischer Gleichzeitigkeit<\/i> entwickeln kann, d.h. im Rahmen historisch gewachsener National\u00f6konomien, deren Produktionssektoren auch auf einem gemeinsamen Niveau entstanden sind und deshalb im fortlaufenden Proze\u00df der Verwissenschaftlichung, der steigenden Kapitalintensit\u00e4t etc. \u00fcberhaupt einen gemeinsamen Ma\u00dfstab der Produktivit\u00e4t bilden konnten. Das ist jedoch nicht der Fall, wenn historisch ungleichzeitig entwickelte Industriesysteme ungefiltert aufeinandertreffen. Dann bildet sich nicht etwa ein neues Durchschnittsniveau, das den Standard der h\u00f6herentwickelten (weil fr\u00fcher in die Industrialisierung\/Kapitalisierung \u00bbeingestiegenen\u00ab) National\u00f6konomien rapide absenken w\u00fcrde, wie es etwa Paul Mattick f\u00e4lschlicherweise annahm, sondern die historisch ungleichzeitige niedrigproduktive Produktion wird niedergewalzt und liquidiert.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#20\">20<\/a><br \/>\nEs ist wiederum der Staat, der hier ebenso wie hinsichtlich eines Gro\u00dfteils der inneren \u00bbGemeinkosten\u00ab des warenproduzierenden Systems auch gegen\u00fcber dem \u00e4u\u00dferen Konkurrenzdruck einspringen mu\u00df. Das einfachste Mittel, die Ungleichheit bzw. Ungleichzeitigkeit der Produktivit\u00e4tsniveaus zu filtern, ist ein rein administratives, n\u00e4mlich das Errichten von Zollschranken. Dieses Mittel wirkt jedoch nur bei einer relativ geringen Weltmarkt-Integration (was gleichbedeutend w\u00e4re mit einer Abkoppelung von allen Welt-Errungenschaften und einem umso rascheren Zur\u00fcckfallen in der Produktivit\u00e4t). Sobald die Vermittlung mit dem Weltmarkt unvermeidlich ein gr\u00f6\u00dferes Ausma\u00df angenommen hat, stellt sich sehr schnell heraus, da\u00df die Einmauerung durch Z\u00f6lle alles andere als kostenneutral ist; denn alles, was notgedrungen importiert wird, mu\u00df zu Weltmarktpreisen gekauft werden, und daf\u00fcr mu\u00df man erst einmal die Devisen durch eigene Exporte verdienen. Die eigene unterproduktive Industrie kann nun zwar durch Zollmauern gegen ausl\u00e4ndische Billigkonkurrenz gesch\u00fctzt werden; soweit ihre Produkte jedoch ihrerseits zwecks Devisen-Erwirtschaftung exportiert werden m\u00fcssen, k\u00f6nnen sie ebenfalls nur zu Weltmarktpreisen verkauft werden, d.h. gem\u00e4\u00df dem Produktivit\u00e4tsstandard der h\u00f6chstentwickelten, den Weltmarkt dominierenden L\u00e4nder. Dann aber tut sich rasch eine Schere bei den \u00bbterms of trade\u00ab auf, d.h. immer gr\u00f6\u00dfere eigene Arbeitsmengen m\u00fcssen gegen immer kleinere fremde Arbeitsmengen getauscht werden.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#21\">21<\/a> Dieser Sachverhalt ist es auch, der die kurzschl\u00fcssige Illusion vom \u00bbgerechten\/ungerechten Tausch\u00ab hervorgerufen hat.<br \/>\nErschwert wird die Situation dadurch, da\u00df hohe Z\u00f6lle im Gegenzug ebenso hohe Z\u00f6lle f\u00fcr die eigenen Waren beim Export in andere L\u00e4nder hervorrufen, womit sich das Devisenproblem weiter versch\u00e4rft. Letztlich bleibt dem Staat nichts anderes \u00fcbrig, als die eigenen Industrien zu subventionieren, sowohl um sie auch bei gesenkten Z\u00f6llen auf dem Binnenmarkt zu erhalten, als auch um sie auf den Exportm\u00e4rkten k\u00fcnstlich konkurrenzf\u00e4hig zu machen (Exportsubventionen). Diese Subventionen nun sind erst recht ein monstr\u00f6ser Kreditfresser, und zwar umso mehr, je gr\u00f6\u00dfere Teile der jeweiligen Industrie hinter dem hochgeschraubten (an den Spitzenreitern orientierten) globalen Produktivit\u00e4tsstandard herhinken. Bei einzelnen Industrien (Kohlebergbau, Stahl, Schiffbau, Textil- und Schuhindustrie, M\u00f6bel etc.) gilt dies inzwischen auch f\u00fcr die hochentwickelten Weltmarktf\u00fchrer selbst.<br \/>\nIm Zuge der vielbeschworenen Globalisierung der Finanz- und Warenm\u00e4rkte, der internationalen Zerlegung von Produktionsprozessen und der globalen Konkurrenz um \u00bbStandorte\u00ab beginnt sich heute sogar die national\u00f6konomische Koh\u00e4renz \u00fcberhaupt zu zersetzen. Im Grunde genommen k\u00f6nnten wenige \u00fcber den Globus nach Ma\u00dfgabe der Kosteng\u00fcnstigkeit (monetaristischer \u00bbAngebotsfaktor\u00ab) verstreute hochproduktive Produktionszentren die gesamte Welt mit Waren \u00fcberschwemmen und die Mehrzahl der vorhandenen Industrien niederwalzen. Das Ergebnis w\u00e4re nat\u00fcrlich der Zusammenbruch der ohnehin prek\u00e4ren globalen Kaufkraft; das warenproduzierende System h\u00e4tte sich damit nicht nur strukturell und binnen\u00f6konomisch, sondern auch auf der Ebene der Weltmarktvermittlung selber ad absurdum gef\u00fchrt. Also mu\u00df der Staatskredit noch einmal unabsehbar gedehnt werden, die Subventionskosten \u00fcbersteigen alle bisherigen Grenzen. F\u00fcr viele L\u00e4nder macht dieser Faktor sogar bereits den Hauptposten des gesamten Kredits aus. Die Alternative w\u00e4re der offene Zusammenbruch der jeweiligen National\u00f6konomie und der R\u00fcckzug der kapitalistischen Reproduktion auf eine extreme Minderheitsposition, d.h. auf wenige \u00bbProduktivit\u00e4tsinseln\u00ab f\u00fcr den Weltmarkt, den es bei einer Verallgemeinerung dieses Zustands nicht mehr g\u00e4be. Tats\u00e4chlich verh\u00e4lt es sich momentan so, da\u00df die Kreditkosten f\u00fcr die Subventionierung im Weltma\u00dfstab trotz gegenteiliger ideologischer Bekenntnisse notgedrungen weiter ansteigen. Nicht ein schrumpfender, sondern ein wachsender Anteil des globalen Industriesystems h\u00e4ngt bereits <i>unmittelbar<\/i> (also nicht blo\u00df vermittelt \u00fcber den Konsum der wachsenden unproduktiven Sektoren) am Tropf der kredit\u00e4ren Simulation; vom Standpunkt der Systemlogik aus handelt es sich um blo\u00dfe Phantomindustrien, die k\u00fcnstlich erzeugt und am Leben gehalten werden.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#22\">22<\/a> Hier haben wir es also nach den steigenden Kreditkosten f\u00fcr die eigentliche Mehrwertproduktion und dem wachsenden Anteil der kreditfinanzierten strukturell unproduktiven Arbeit bereits mit der dritten Potenz der gesamtgesellschaftlichen Kreditabh\u00e4ngigkeit zu tun.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>6. Entsubstantialisierung des Geldes und strukturelle Inflation<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"q23\"><\/a><a name=\"q24\"><\/a><a name=\"q25\"><\/a><a name=\"q26\"><\/a><a name=\"q27\"><\/a><a name=\"q28\"><\/a> Nimmt man die drei Potenzen der strukturellen Kreditabh\u00e4ngigkeit zusammen, dann ist es klar, da\u00df die unaufhaltsam wachsende Entfernung des Kreditgeldes von der abstrakten Arbeits-Substanz des Systems logisch zum Kollaps f\u00fchren mu\u00df. Faktisch hie\u00df dies zun\u00e4chst f\u00fcr eine jahrzehntelange Inkubationszeit, da\u00df die Kreditketten immer weiter gespannt werden und immer tiefer in die Zukunft vorgreifen mu\u00dften. Dabei wuchsen nicht nur die Finanzinstitutionen im s\u00e4kularen Ma\u00dfstab an,<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#23\">23<\/a> sondern vor allem der Staatskredit explodierte geradezu. Historisch markiert wurde die neue Entwicklungsstufe des Kapitalismus, die seinen H\u00f6hepunkt wie seine absolute Schranke ank\u00fcndigen sollte, bereits durch den Ersten Weltkrieg. Insofern witterten so unterschiedliche Theoretiker des Arbeiterbewegungs-Marxismus wie Lenin und Rosa Luxemburg (letztere wie gezeigt sogar an das Problem herankommend und auf weit h\u00f6herem Reflexionsniveau als der \u00bbPolitizist\u00ab Lenin) durchaus etwas Richtiges, wenn sie vom \u00bbletzten und h\u00f6chsten Stadium\u00ab (Lenin) und sogar vom \u00bbZusammenbruch\u00ab (Luxemburg) sprachen; nur da\u00df dieses \u00bbStadium\u00ab sich eben selber erst bis zum Ende des Jahrhunderts ausentwickeln mu\u00dfte und die tats\u00e4chliche historische Grenze mit den damaligen Begriffen nicht mehr ad\u00e4quat erfa\u00dft werden kann, weil damit auch der theoretische Horizont der Arbeiterbewegung als solcher \u00fcberschritten wird.<br \/>\nVor dem Ersten Weltkrieg war der Kapitalismus nur ein (wenn auch stetig wachsendes) Segment der gesellschaftlichen Reproduktion gewesen, das sich noch nicht durch s\u00e4mtliche Produktionssektoren hindurchgefressen hatte; der Staat hatte noch keine tragende Funktion des Reproduktionsprozesses \u00fcbernommen und bezog seine Einnahmen noch haupts\u00e4chlich durch Steuern (ein einigerma\u00dfen ausgeglichener Haushalt galt als Grundbedingung seri\u00f6ser Staatsf\u00fchrung); und das Geld im eigentlichen Sinne war das Edelmetall (vor allem Gold), d.h. die umlaufenden Banknoten waren jederzeit goldkonvertibel. Diese drei Momente l\u00f6sten sich allesamt durch den Weltkrieg auf, der sich ebenso wie der schon zwei Dekaden sp\u00e4ter folgende zweite globale Waffengang als gewaltiger Durchlauferhitzer der kapitalistischen Entwicklung erweisen sollte. Die industrialisierte Kriegf\u00fchrung stie\u00df nicht nur das Tor f\u00fcr den folgenden Durchbruch der fordistischen Industrien und eine fl\u00e4chendeckende Durchkapitalisierung der Gesellschaft weit auf, sondern sie zwang auch den Staat endg\u00fcltig in jene (nat\u00fcrlich schon lange vorbereitete) Rolle als Tr\u00e4ger der Logistik und der allgemeinen Gesch\u00e4ftskosten dieses Prozesses hinein.<br \/>\nDen Zeitgenossen war dies keineswegs klar; sie sahen gro\u00dfenteils zun\u00e4chst nur eine Unterbrechung der vermeintlichen Normalit\u00e4t durch den Krieg. Aber rasch wurde deutlich, da\u00df es kein Zur\u00fcck mehr in die Strukturen der Zeit vor 1914 geben konnte. Die \u00bbFinanzkrise des Steuerstaats\u00ab wurde zum gro\u00dfen Thema, das im Abstand von einem halben Jahrhundert mehrfach zu heftigen Diskussionen Anla\u00df gab (Rudolf Goldscheid und Joseph Schumpeter 1917\/18, James O&rsquo;Connor 1973, Klaus-Martin Groth 1978 u.a.). Von 1914\/15 bis heute, also im Verlauf von 80 Jahren, wurden alle Grundlagen von Staats\u00f6konomie, Geldtheorie, Wirtschafts- und Finanzpolitik umgesto\u00dfen. Der Staatskredit ist in diesem gesamten Zeitraum fast ununterbrochen gewachsen, und die Theorie verhielt sich eigentlich nur reaktiv zu diesem erstaunlichen Proze\u00df; zuerst erschreckt, dann immer dreister und gleichzeitig verge\u00dflicher. Wurde die gef\u00e4hrliche Expansion der Staatsfinanzen \u00fcber alle reellen Einnahmen hinaus am Ende des Ersten Weltkriegs noch als zu \u00fcberwindendes Krisenph\u00e4nomen betrachtet, so sollten schon bald Keynes und der Keynesianismus eine Legitimation daf\u00fcr liefern, die neuen Ph\u00e4nomene auch als neue Normalit\u00e4t zu betrachten, die (wie Schumpeter schon fr\u00fchzeitig bemerkt hatte) keineswegs akut in den Zusammenbruch f\u00fchren m\u00fcsse. Daraus zog man allm\u00e4hlich den Schlu\u00df, da\u00df es den \u00fcber das aufgebl\u00e4hte Kreditsystem vermittelten strukturellen Zusammenbruch \u00fcberhaupt nie geben werde.<br \/>\nFast dieselben \u00c4ngste und fast dieselbe Entwarnung wiederholten sich in den 70er Jahren, als die Verschuldungsgrenzen nicht nur des Weltmachtkonsums der USA, sondern des Steuerstaats \u00fcberhaupt wieder ins Blickfeld r\u00fcckten (in Deutschland wurde die damalige Krisenkulmination durch das turbulente Ende der sozialliberalen Koalition markiert). Als auch diesmal der \u00bbbig bang\u00ab ausblieb, lehnte man sich abermals zur\u00fcck und wurde noch viel ungenierter als jemals zuvor seit dem Beginn der strukturellen Disproportionalit\u00e4t von (kapitalproduktiver) Arbeit und Geld. Je weiter das Kreditsystem abhob, desto mehr wurden aus fr\u00fcheren Schreckensmeldungen und Krisenproblemen harmlose, im Prinzip leicht zu bew\u00e4ltigende \u00bbNebenwiderspr\u00fcche\u00ab gemacht.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#24\">24<\/a> Als \u00e4u\u00dferst durchsichtiges und historisch unreflektiertes Argument erscheint in diesem Zusammenhang immer wieder die Behauptung, das Problem sei \u00fcberhaupt nicht neu; schon in allen Jahrhunderten seit der Renaissance und selbst im ber\u00fchmten alten Rom habe es hohe Staatsverschuldung ohne Zusammenbruchskonsequenzen gegeben.<br \/>\nWer so argumentiert, wei\u00df gar nicht, wovon er redet. Sowohl absolut als auch relativ lassen sich die fr\u00fcheren Beispiele \u00fcberhaupt nicht mit der Entwicklung seit dem Ersten Weltkrieg vergleichen. Die \u00dcberschuldung von Staaten bzw. Herrscherh\u00e4usern war keine strukturelle im Sinne des 20. Jahrhunderts; sie war entweder an die (tempor\u00e4re) Finanzierung von Kriegen gebunden oder (soweit l\u00e4nger andauernd) an die Kosten einer allzu \u00fcppigen Hofhaltung etc.; niemals aber hatte sie die gesellschaftliche Reproduktion als solche erfa\u00dft und in zunehmendem Ma\u00dfe getragen. Das \u00bbGesetz der wachsenden Staatsquote\u00ab (am gesamten Sozialprodukt), das der deutsche \u00d6konom und \u00bbKathedersozialist\u00ab Adolph Wagner schon 1863 aufgestellt hatte und das durch die reale Entwicklung voll best\u00e4tigt worden ist, verweist auf die neue Qualit\u00e4t der Staatsverschuldung unter den Bedingungen der vollkapitalistischen, verwissenschaftlichten Reproduktion.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#25\">25<\/a> Damit aber hat sich eine v\u00f6llig neue, nie dagewesene Situation herausgebildet: das Problem der Staatsfinanzen und damit des \u00bbfiktiven Kapitals\u00ab in Form des Staatskredits betrifft nicht mehr blo\u00df den Staatsapparat als solchen, sondern in Wirklichkeit ist davon das warenf\u00f6rmig organisierte Leben der Gesellschaft selber abh\u00e4ngig geworden.<br \/>\nDa\u00df die Gesch\u00e4ftskosten und Rahmenbedingungen des Wertsch\u00f6pfungsprozesses auf hohem Niveau der Verwissenschaftlichung und Kapitalintensit\u00e4t die Wertsch\u00f6pfung selber \u00fcberwuchern, dr\u00fcckt sich in einer paradoxen Verkehrung des Verh\u00e4ltnisses von Staat und Gesellschaft aus: nicht die Gesellschaft n\u00e4hrt mehr den Staat, damit dieser ihre \u00bballgemeinen Angelegenheiten\u00ab besorge, sondern umgekehrt mu\u00df zunehmend der Staat durch \u00bbfiktives Kapital\u00ab die Gesellschaft n\u00e4hren, damit sie in ihrer obsolet gewordenen Form als warenproduzierendes System verharren kann. Das vampirartige Ansaugen der Zukunft, die Verpf\u00e4ndung und \u00bbKapitalisierung\u00ab von immer mehr zuk\u00fcnftiger Arbeitsmasse, erfa\u00dft nun also sowohl die Reproduktion des Kapitals als auch die Reproduktion des Staates; und beide Formen der Kreditabh\u00e4ngigkeit verzahnen sich miteinander. Damit aber tritt auch die Geldnachfrage des Staatskredits in Konkurrenz zur Geldnachfrage des Unternehmenskredits und des Privatkredits, wodurch erst endg\u00fcltig das Zinsniveau zyklusunabh\u00e4ngig nach oben gedr\u00fcckt wird. Auf diese Weise gleiten dem Staat die soeben erst ergriffenen Z\u00fcgel der Wirtschafts- und Finanzpolitik wieder aus der Hand, weil seine eigene uners\u00e4ttlich gewordene Nachfrage auf den Kreditm\u00e4rkten keine konsequente Zinssenkungspolitik mehr erlaubt.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#26\">26<\/a><br \/>\nDer hemmungslose Kreditbedarf konnte nat\u00fcrlich auch das Geld nicht in seiner bis dahin g\u00fcltigen Form belassen. Die Goldkonvertibilit\u00e4t und damit die reale Wertsubstanz der W\u00e4hrungssysteme mu\u00dfte fallen. Hatten schon die ersten Monate des Weltkriegs 1914\/15 gezeigt, da\u00df eine industrialisierte Kriegf\u00fchrung mit Geld auf Goldbasis nicht mehr zu finanzieren ist, so zeigte die seitherige Entwicklung, da\u00df die durch den Weltkrieg entfesselte fordistische Mobilisierung und Vollkapitalisierung auch in den zivilen Sektoren die kreditfinanzierte Steigerung des Staatskonsums irreversibel gemacht hatte. Hatte Keynes selber den Staatskonsum noch als blo\u00dfe Not- oder \u00dcberbr\u00fcckungsma\u00dfnahme zur \u00bbAnkurbelung\u00ab der Konjunktur und somit als mehr \u00e4u\u00dferlichen Eingriff gesehen, so handelte es sich, wie nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich wurde, in Wirklichkeit um eine dauerhafte Strukturver\u00e4nderung, die aus den inneren Systemnotwendigkeiten selbst resultierte. Das vermeintliche keynesianische Programm zur Krisenbew\u00e4ltigung (\u00bbdeficit spending\u00ab) wurde zum Dauerbrenner, auf dem die verpf\u00e4ndete Zukunft verfeuert werden mu\u00dfte. Damit war nat\u00fcrlich eine R\u00fcckkehr zum Goldstandard v\u00f6llig unm\u00f6glich geworden, denn die nunmehr ben\u00f6tigten Massen von Kreditgeld konnten beim besten Willen nicht mehr in irgendeine Relation zu einer eigenen Wertsubstanz des Geldes gesetzt werden.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/q27\">27<\/a><br \/>\nMit anderen Worten: die Entsubstantialisierung des Geldes selber ist zur Tatsache geworden. In der oberfl\u00e4chlichen Betrachtungsweise der VWL, die ohnehin nie mit den vermeintlich \u00bbphilosophischen\u00ab Implikationen des klassischen \u00f6konomischen Wertbegriffs klargekommen war und die sich l\u00e4ngst (praktisch) auf die Entwicklung finanztechnischer Manipulationen bzw. (theoretisch) auf wirklichkeitsfremde mathematisierte Modellplatonismen ohne jeden Substanzbegriff zur\u00fcckgezogen hatte, war das nat\u00fcrlich kein Beinbruch; im Gegenteil, seit Keynes beeilte man sich zu versichern, da\u00df das Gold blo\u00df \u00bbein barbarisches Metall\u00ab und fortan ohne jede monet\u00e4re Bedeutung sei. Auf die Idee, da\u00df die gesellschaftliche Geldvermittlung und fetischistische Selbstbewegung des \u00bbWerts\u00ab selber ein barbarischer Primitivismus sein k\u00f6nnte, der des \u00bbbarbarischen Metalls\u00ab letztendlich gar nicht entraten kann, kam man nat\u00fcrlich nicht. Entsubstantialisierung des Geldes bedeutet aber nichts geringeres als seine faktische Entwertung, und damit den Verlust einer wesentlichen Geldfunktion: n\u00e4mlich der des Wertaufbewahrungsmittels.<br \/>\nAnders gesagt: die Wertaufbewahrung mittels des Geldes beruht nach dem Verlust der Goldkonvertibilit\u00e4t nur noch auf Konvention und subjektiver Akzeptanz, hat aber keinerlei objektiven Grund mehr. Das bedeutet, da\u00df diese Geldfunktion der Wertaufbewahrung auf Gedeih und Verderb an \u00f6konomische Sch\u00f6nwetterzeiten gebunden ist; eine tiefere Reproduktionskrise hingegen w\u00fcrde sie nicht \u00fcberstehen. Damit hat das System aber sein eigenes inneres Sicherungssystem abgeschaltet. Hier haben wir es bereits mit der vierten Potenz der Entkoppelung von \u00bbArbeit\u00ab und Geld zu tun, die die anderen Potenzen \u00fcberhaupt erst l\u00e4ngerfristig m\u00f6glich gemacht hat, und zwar auf der Ebene und in der Gestalt des Geldes selber. Die logische Konsequenz dieser strukturellen Entsubstantialisierung des Geldes ist aber notwendig die strukturelle Inflationierung.<br \/>\nAuch in dieser Hinsicht waren und sind die Entwarnungen der affirmativen keynesianischen (und gro\u00dfenteils auch der marxistischen) \u00d6konomen \u00e4u\u00dferst voreilig. Da\u00df die rasche gro\u00dfe Preisinflation bei der (offenen oder heimlichen) Aufhebung des Gehalts an Edelmetall in den \u00bbM\u00fcnzverschlechterungen\u00ab etwa des Sp\u00e4tmittelalters oder bei der Aufhebung der Gold- bzw. Silberkonvertibilit\u00e4t von Papiernoten (etwa des ber\u00fcchtigten Law&rsquo;schen Papiergelds im franz\u00f6sischen Absolutismus, der Assignaten der franz\u00f6sischen Revolutionsregierung oder des Papierdollars im US-B\u00fcrgerkrieg) nur mangelnder Gew\u00f6hnung und mangelnder Finanztechnik geschuldet gewesen sei, ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Denn zum einen wurde die tempor\u00e4re Geldentwertung in der Vergangenheit nicht durch Gew\u00f6hnung an ein entsubstantialisiertes Geld \u00fcberwunden, sondern im Gegenteil vermittels der allgemeinen Durchsetzung des Goldstandards. Zum andern aber folgte auch auf die Kriegswirtschaften der beiden Weltkriege jeweils eine drastische Geldentwertung, besonders nat\u00fcrlich beim Verlierer Deutschland: 1923 als Hyperinflation, 1945\/48 als deflation\u00e4rer Schock (Ung\u00fcltigwerden der Guthaben und Geldscheine).<br \/>\nAber auch in der Epoche keynesianischer Expansion des Kredits (vor allem des Staatskredits) nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Inflation allgegenw\u00e4rtig geblieben; gerade in dieser Zeit hat sie sich aus dem Zustand tempor\u00e4rer Ausschl\u00e4ge in einen strukturellen Dauerzustand verwandelt. In dieser strukturellen Dauerinflation, die durch geldpolitische Eingriffe der Notenbanken oder der Gesetzgeber gelegentlich vermindert, aber nie mehr ganz beseitigt werden konnte, erscheint die verborgene Masse der unproduktiven Arbeit ebenso an der monet\u00e4ren Oberfl\u00e4che und in der Kalkulation der Wirtschaftssubjekte wie bei der wachsenden Belastung durch Lohnnebenkosten oder durch die Bedienung von Unternehmens-, Staats- und Konsumentenkrediten. Da\u00df diese strukturelle Inflationierung zumindest in den OECD-L\u00e4ndern auf relativ niedrigem Niveau k\u00f6chelt, ist zum einen der immer noch \u00bblaufenden\u00ab (wenn auch schon von tieferen Einbr\u00fcchen gekennzeichneten) Konjunktur geschuldet, zum andern aber auch der teilweisen Problem-Externalisierung in die Verliererl\u00e4nder des Weltmarkts.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#28\">28<\/a><br \/>\nDurch ihren Vorsprung in der Produktivit\u00e4t und Kapitalintensit\u00e4t konnten die industriellen Metropolen \u00fcber l\u00e4ngere Zeit die Masse des globalen Mehrwerts absch\u00f6pfen und sich \u00fcber die nationalen Finanzm\u00e4rkte hinaus den Zugang zum internationalen Kredit offenhalten, w\u00e4hrend die Peripherie und die historischen Sp\u00e4teinsteiger zunehmend nur noch durch die substanzlose staatliche Geldsch\u00f6pfung, d.h. vermittels der direkten Notenpressen-Inflation, eine notd\u00fcrftige Koh\u00e4renz der Reproduktion aufrechtzuerhalten vermochten. Durch den Proze\u00df der Globalisierung werden jedoch seit dem Ende der 80er Jahre auch die alten kapitalistischen Zentren selber immer mehr in die N\u00e4he dieses Zustands ger\u00fcckt. Strenggenommen ist diese Erscheinung, in der sich die tempor\u00e4re Notenpressen-Finanzierung der Kriegswirtschaft in der Weltkriegsepoche heute in gro\u00dfen Teilen der Welt nicht nur wiederholt, sondern zum Dauerzustand der gesellschaftlichen Reproduktion als ganzer geworden ist, sogar als f\u00fcnfte Potenz der Entkoppelung von \u00bbArbeit\u00ab und Geld zu betrachten; denn dabei wird das entsubstantialisierte Geld nicht einmal mehr durch die regul\u00e4ren Finanzm\u00e4rkte geschleust, sondern die gesellschaftliche Reproduktion in der Warenform wird unmittelbar geheizt mit aus dem Nichts gesch\u00f6pften, lediglich dem staatlichen Ukas folgenden Geldmengen der jeweiligen W\u00e4hrung.<br \/>\nIn Lateinamerika, Afrika, gro\u00dfen Teilen Asiens und mittlerweile auch Osteuropas haben wir es auf diese Weise mit der v\u00f6llig neuen Erscheinung von <i>hyperinflation\u00e4ren Zyklen<\/i> zu tun; d.h. mit einer Bewegung der \u00d6konomie, die nicht mehr dem \u00bbregul\u00e4ren\u00ab Zyklus der Kapitalakkumulation, sondern dem Pulsieren der Notenpresse in einer nicht mehr abrei\u00dfenden Kette von W\u00e4hrungsschnitten und W\u00e4hrungsreformen folgt. Es ist keineswegs eine \u00dcbertreibung, bereits heute vom globalen Zusammenbruch der Geldwirtschaft (und damit der modernen \u00bbArbeitsgesellschaft\u00ab und des dazugeh\u00f6rigen Marktsystems) zu sprechen. Einzig und allein der in dieser Hinsicht merkw\u00fcrdigerweise so gut wie gar nicht kritisierte alte Eurozentrismus ist es, der eine ad\u00e4quate Beurteilung der tats\u00e4chlichen Weltentwicklung verhindert. W\u00e4hrend der Westen vorl\u00e4ufig noch in der Nachkriegsphase der strukturellen Inflationierung auf niedrigem Niveau verharrt, mu\u00df die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrzahl der Menschheit bereits unter den Bedingungen einer zwei- bis dreistelligen Inflation oder der Hyperinflation mit Raten zwischen tausend und einer Million Prozent leben. Die globale Pro-Kopf-Inflationsrate d\u00fcrfte mittlerweile im dreistelligen Bereich liegen. Dieser Tatbestand zeigt an, da\u00df die globale unproduktive Arbeit sowohl im absoluten als auch im relativen Sinne die historische Schmerzgrenze des Systems \u00fcberschritten hat und die verwissenschaftlichte Weltgesellschaft \u00fcber die Formen des warenproduzierenden Systems irreversibel hinausgewachsen ist.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>7. Von der fordistischen Expansion zur mikroelektronischen Revolution<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"q29\"><\/a><a name=\"q30\"><\/a><a name=\"q31\"><\/a><a name=\"q32\"><\/a><a name=\"q33\"><\/a><a name=\"q34\"><\/a><a name=\"q35 \"><\/a><a name=\"q36\"><\/a><a name=\"q37\"><\/a> In der Epoche vom 1. Weltkrieg bis zum Ende der 70er Jahre trat die Strukturkrise der systemischen \u00bbGesch\u00e4ftskosten\u00ab durch unproduktive Arbeit, der Staatsfinanzen und der Inflation nur als Nebenproblem in Erscheinung, d.h. entweder beschr\u00e4nkt auf tempor\u00e4re Krisensch\u00fcbe oder strukturell auf kleiner Flamme k\u00f6chelnd. Der Grund f\u00fcr diese scheinbare Bew\u00e4ltigbarkeit des Problems, der diese Epoche erst zur Inkubationszeit des eigentlichen und absoluten Systemdesasters machte, ist im Charakter der fordistischen Expansion zu suchen. Diese ebenfalls vom 1. Weltkrieg ausgehende Expansion der neuen Industrien mit der Automobilproduktion im Zentrum \u00fcberlagerte zun\u00e4chst f\u00fcr mehr als ein halbes Jahrhundert die Strukturkrise der gleichzeitigen Expansion unproduktiver Arbeit.<br \/>\nGenauer gesagt haben wir es dabei mit einer paradoxen Verschr\u00e4nkung in der simultanen Expansion produktiver und unproduktiver Arbeit zu tun. Einerseits mobilisierte der Fordismus neue Massen produktiver Arbeit in bis dahin nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehaltenen Dimensionen; andererseits war dieselbe Entwicklung nur durch eine sprunghafte Ausdehnung der gesellschaftlichen Logistik, der allgemeinen Rahmenbedingungen etc. und damit der unproduktiven Arbeit m\u00f6glich. Die Disproportionalit\u00e4t in der Expansion dieser beiden gegenl\u00e4ufigen Momente brachte zwar mehrfach das strukturelle Krisenproblem (vor allem auf der Ebene der Staatsfinanzen) auf die Tagesordnung; aber letztendlich konnte doch auf l\u00e4ngere Sicht die Expansion der unproduktiven durch die gleichzeitige Expansion der produktiven Arbeit in den fordistischen Industrien \u00bbgef\u00fcttert\u00ab werden, d.h. der absolute Zuwachs an realer Wertsubstanz kompensierte die absolute und relative Zunahme der unproduktiven Sektoren.<br \/>\nPh\u00e4nomenologisch kann die fordistische Expansion von produktiver Arbeit\/realer Wertsubstanz auf mehreren sich \u00fcberlagernden Ebenen beschrieben werden. Zum einen war es nat\u00fcrlich in der Tat die innere und \u00e4u\u00dfere Ausdehnung der Kapitalverwertung und damit der betriebswirtschaftlichen Rationalit\u00e4t, die neue Felder der realen Mehrwertproduktion erschlo\u00df. Nach au\u00dfen trugen das fortgesetzte, schon im \u00bbKommunistischen Manifest\u00ab erw\u00e4hnte Hineinziehen bis dahin nicht-kapitalistischer Gebiete der Erde in die kapitalistische Reproduktionsform und der damit verbundene Kapitalexport (ein wesentliches, wenn auch verk\u00fcrzt aufgenommenes Moment in der Theorie von Lenin) diese Erweiterung; nach innen bewirkte die Verwandlung bis dahin nicht-kapitalistischer (b\u00e4uerlicher, handwerklicher und subsistenzwirtschaftlicher) Reproduktionsformen in Sektoren der Kapitalverwertung, wie sie durch die neuen fordistischen Methoden m\u00f6glich wurde, denselben Effekt. Insofern war es (gerade umgekehrt wie in der theoretischen Schlu\u00dffolgerung von Rosa Luxemburg) die Verwandlung ehemals \u00bbdritter Personen\u00ab in kapitalistische Lohnarbeiter, die zun\u00e4chst die Mehrwertsch\u00f6pfung von der Produktionsebene her steigerte statt von der Markt- und damit Realisationsebene her eine Schranke darzustellen. Zusammen mit der Expansion der realen Wertsch\u00f6pfung wurden ja auch mehr relle kapitalistische Geldeinkommen erzeugt.<br \/>\nVor allem aber war es die Verbindung neuer Industrien und neuer Massenbed\u00fcrfnisse, die den eigentlichen Expansionsschub trug. Die blo\u00dfe Expansion in bereits vorhandene Produktionssektoren hinein h\u00e4tte niemals den s\u00e4kularen fordistischen Boom (vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg) erm\u00f6glicht. Aber der \u00dcbergang in der energetischen Basis der fossilen Brennstoffe von Kohle-Dampfmaschinen zu Erd\u00f6l-Verbrennungsmotoren in Verbindung mit der fordistischen Rationalisierung (\u00bbArbeitswissenschaft\u00ab, Flie\u00dfproduktion) erm\u00f6glichte einen gesellschaftlichen Entwicklungssprung, der fr\u00fchere Luxusg\u00fcter wie Autos, K\u00fchlschr\u00e4nke, Waschmaschinen etc., die bis zum 1. Weltkrieg den <i>upper ten<\/i> vorbehalten waren, in den gro\u00dfen Massenkonsum eingehen lie\u00df. Hinzu kamen die Produkte neuer Erfindungen wie Radio und Fernsehen, die von vornherein in diesem Aggregatzustand von Massenproduktion und Massenkonsum ins Leben traten. Die allesamt direkt oder indirekt auf Erd\u00f6lbasis hergestellten fordistischen Massenprodukte f\u00fchrten erst in jenen fordistischen Verbrennungskapitalismus mit seinem ungeheuerlichen und bis zum Schwachsinn gesteigerten Verbrennnungskonsum sowie zu der darauf aufbauenden Verbrennungsdemokratie nach dem Zweiten Weltkrieg, die trotz ihrer historischen Kurzlebigkeit heute noch in den Kernl\u00e4ndern der OECD (und in den Mittelschichten auf globaler Ebene) als Normalzustand erlebt wird.<br \/>\nF\u00fcr die warenf\u00f6rmige Reproduktion entscheidend ist jedoch die Expansion der realen Wertsubstanz und ihrer gesellschaftlichen Vermittlungsformen, die sich hinter dieser Ph\u00e4nomenologie des Fordismus verbergen. Das von der l\u00e4ngst bemoosten marxistischen Debatte immer wieder ergebnislos hin- und hergew\u00e4lzte Problem des ber\u00fchmten \u00bbtendenziellen Falls der Profitrate\u00ab spielt dabei nat\u00fcrlich eine Rolle. Die historisch zusammen mit der zunehmenden Verwissenschaftlichung \u00bbsteigende organische Zusammensetzung des Kapitals\u00ab (Marx), die im kapitalistischen Kalk\u00fcl als steigende Kapitalintensit\u00e4t, d.h. als steigende Kapitalkosten pro Arbeitsplatz in Erscheinung tritt, verweist auf eine gegenl\u00e4ufige Bewegung innerhalb des Wertsch\u00f6pfungsprozesses (und damit der Mehrwertproduktion).<br \/>\nDie schnelle Zunahme von Verwissenschaftlichung, Technisierung und Rationalisierung war erst notwendig geworden, als die Expansion des \u00bbabsoluten Mehrwerts\u00ab (Marx) durch schrankenlose Ausdehnung des Arbeitstages und schrankenlosen Verschlei\u00df der Arbeitskraft im Lauf des 19. Jahrhunderts an nat\u00fcrliche und gesellschaftliche (Arbeiterbewegung, Staatseingriffe) Grenzen stie\u00df. An die Stelle des \u00bbabsoluten Mehrwerts\u00ab als Hauptmittel der Akkumulation trat nun der \u00bbrelative Mehrwert\u00ab, d.h. die Verminderung der Reproduktionskosten der Arbeitskraft durch \u00bbVerwohlfeilerung\u00ab der Lebensmittel, wie sie wiederum durch angewandte Naturwissenschaft m\u00f6glich wurde; erst der Fordismus hat diese Tendenz forciert und verallgemeinert.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#29\">29<\/a><br \/>\nDie Produktion des relativen Mehrwerts f\u00fchrt aber zu einem logischen Widerspruch. Denn zwar erh\u00f6ht sich dadurch der Anteil des Mehrwerts pro Arbeitskraft, gleichzeitig k\u00f6nnen jedoch aufgrund der Rationalisierungseffekte derselben Entwicklung immer weniger Arbeitskr\u00e4fte pro Kapitalsumme angewendet werden (eben dadurch erh\u00f6hen sich wie gezeigt die Vorauskosten pro Arbeitsplatz, d.h. die Kapitalintensit\u00e4t oder der Anteil des Sachkapitals an der \u00bborganischen Zusammensetzung\u00ab). Dieser zweite, gegenl\u00e4ufige Effekt \u00fcberkompensiert den ersten langfristig. Das bedeutet nichts anderes, als da\u00df die Erh\u00f6hung der gesamtgesellschaftlichen relativen Mehrwertrate pro Arbeitskraft erkauft ist mit einem gleichzeitigen Fall der Profitrate pro vorgeschossene Kapitalsumme. Dieser Effekt wiederum kann nun seinerseits einzig und allein dadurch \u00fcberkompensiert werden, da\u00df die absolute Menge der angewendeten (produktiven!) Arbeitskraft und damit zusammen mit der absoluten Mehrwertmasse die absolute Profitmasse steigt, was nur durch eine permanente Ausdehnung der Produktionsweise als solcher m\u00f6glich ist. Dies wurde in Gestalt der fordistischen Expansion tats\u00e4chlich bis zu einem gewissen Grad gew\u00e4hrleistet.<br \/>\nEs gibt freilich einen gewaltigen Sch\u00f6nheitsfehler schon in dieser Logik der fordistischen Ausdehnung der absoluten Mehrwertmasse\/Profitmasse.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#30\">30<\/a> Denn diese Expansion war ja nur m\u00f6glich durch die gleichzeitige Expansion der (kapitalistisch) unproduktiven Rahmenbedingungen. Ein erheblicher Teil der zus\u00e4tzlichen fordistischen Industrieprodukte wurde in zunehmendem Ma\u00dfe von unproduktiven Arbeitern verzehrt, was eine grunds\u00e4tzliche Ver\u00e4nderung des Akkumulationsregimes zur Voraussetzung hatte. Eben deswegen war das keynesianische \u00bbdeficit spending\u00ab von Anfang an weder Start- noch \u00dcberbr\u00fcckungshilfe, sondern strukturelle Daseinsbedingung und politisches Regulationsinstrument der fordistischen Expansion, die im globalen Ma\u00dfstab erst nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte. Das aber bedeutet nichts anderes, als da\u00df die fordistische Expansion mitsamt ihrem \u00bbWirtschaftswunder\u00ab grunds\u00e4tzlich schon kein wirklich selbsttragender s\u00e4kularer Aufschwung der Kapitalakkumulation mehr war, sondern bereits teilweise durch Verpf\u00e4ndung zuk\u00fcnftiger Wertmasse gespeist werden mu\u00dfte. Was an der fordistischen \u00c4ra und ihrem \u00bbAkkumulationsmodell\u00ab noch selbsttragend war, das war einzig und allein die regul\u00e4re Bedienung der exponentiell anwachsenden Kreditmasse durch reale Erweiterung der absoluten Profitmasse. Diese Ausdehnung der absoluten Profitmasse war jedoch bereits kleiner als die damit notwendig verbundene gleichzeitige Ausdehnung der unproduktiven \u00bbGesch\u00e4ftskosten\u00ab des sich totalisierenden Marktsystems.<br \/>\nDaraus erhellt, da\u00df es sich bei der fordistischen Expansion von vornherein nur um einen historisch kurzlebigen Proze\u00df handeln konnte. Mehr noch: da ja der Kapitalismus und seine betriebswirtschaftliche Rationalit\u00e4t bis zum 1. Weltkrieg nur ein Segment der gesellschaftlichen Reproduktion gewesen war, mu\u00df die fordistische Akkumulations\u00e4ra als unwiederholbares Durchgangsstadium der kapitalistischen Binnengeschichte begriffen werden, statt sie davon losgel\u00f6st als abstrakten \u00bbStrukturzustand\u00ab darzustellen. Kapitalismus ist ein historischer Verallgemeinerungsproze\u00df seiner eigenen Kriterien, der sich auf immer h\u00f6herem Niveau fortsetzen mu\u00df und niemals auf ein fr\u00fcheres Niveau zur\u00fcckkehren kann. Deshalb ist es verfehlt, seine Geschichte als blo\u00dfe Abfolge von Strukturen zu begreifen, ohne die selbstzerst\u00f6rerische Dynamik des Gesamtprozesses in Rechnung zu stellen. Man k\u00f6nnte es auch so sagen: in demselben Ma\u00dfe, wie der Kapitalismus \u00bbsiegt\u00ab und zur fl\u00e4chendeckenden Reproduktionsform der Gesellschaft (und schlie\u00dflich der Weltgesellschaft) wird, was erst durch den Fordismus auf den Weg gebracht wurde, beweist er auch seine logische Unm\u00f6glichkeit. Seine absolute Durchsetzung mu\u00df daher historisch mit seiner absoluten Grenze in eins fallen, auch wenn das gerade die marxistische Linke nicht h\u00f6ren will, die das Problem der Reproduktionssektoren (und damit der \u00bbterti\u00e4ren Revolution\u00ab) nie theoretisch durchdrungen und sich auf die immanente Verewigungsf\u00e4higkeit der kapitalistischen Produktionsweise zunehmend selbst vergattert hat.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#31\">31<\/a><br \/>\nDie Expansion der kapitalistischen Produktionsweise als Voraussetzung f\u00fcr die fordistische Ausdehnung der Profitmasse und damit die Kompensation der fallenden Profitrate bedeutete den Zwang zur permanenten Erweiterung der Produktion und damit der M\u00e4rkte. Das ging aber nur, solange die Produkt- und Erweiterungsinvestitionen die Proze\u00df- oder Rationalisierungsinvestitionen in gen\u00fcgendem Ausma\u00df \u00fcberstiegen, denn nur auf diese Weise wurden trotz Rationalisierung eine absolut wachsende Masse industrieller Arbeitskr\u00e4fte vernutzt und wachsende \u00bbproduktiv\u00ab fundierte Geldeinkommen erzeugt. Nur solange diese Relation einigerma\u00dfen eingehalten wurde, konnte das \u00bbSchneeballsystem\u00ab der fordistischen Expansion bei gleichzeitig \u00fcberproportionalem Anteil der unproduktiven Sektoren am Laufen gehalten und die Verzinsung des komplement\u00e4r anwachsenden Kreditgebirges aus realer Wertmasse bedient werden.<br \/>\nDiese entscheidende Differenzierung l\u00e4\u00dft der gr\u00f6\u00dfte Teil sowohl der VWL- als auch der marxistischen Argumentation zur \u00bbWachstumstheorie\u00ab vermissen: fast durchg\u00e4ngig wird die \u00bbSteigerung der Produktivit\u00e4t\u00ab oder das Produktivit\u00e4tswachstum an sich und \u00fcberhaupt gleichgesetzt mit dem Wachstum der M\u00e4rkte, der Wertsch\u00f6pfung und damit der realen Akkumulation des Kapitals.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#32\">32<\/a> Dies gilt jedoch nur unter einer ganz bestimmten prek\u00e4ren Bedingung: dann n\u00e4mlich, wenn die Steigerung der Produktivit\u00e4t kleiner ist als die damit m\u00f6glich werdende innere und \u00e4u\u00dfere Ausdehnung der M\u00e4rkte. Der von Henry Ford organisierte Produktivit\u00e4tssprung in der Automobilindustrie bedeutete, da\u00df pro Auto viel weniger Arbeitskraft vernutzt werden mu\u00dfte; aber die dadurch erm\u00f6glichte Verwandlung des Autos in ein Produkt des Massenkonsums lie\u00df die Automobilproduktion derart explodieren, da\u00df insgesamt trotz Rationalisierung\/Produktivit\u00e4tswachstum wesentlich mehr Arbeitskraft in der Autoindustrie produktiv vernutzt werden konnte und somit auch die reale Wertsch\u00f6pfung stieg. Es ist jedoch klar, da\u00df diese Bedingung nicht automatisch existiert und nicht f\u00fcr immer fortgeschrieben werden kann. Im Gegenteil mu\u00df zwangsl\u00e4ufig der Punkt erreicht werden, wo das Verh\u00e4ltnis kippt und bei relativer S\u00e4ttigung der M\u00e4rkte neue Spr\u00fcnge des Produktivit\u00e4tswachstums den gegenteiligen Effekt haben, d.h. gr\u00f6\u00dfer werden als die dadurch noch m\u00f6gliche Ausdehnung der Arbeits- und Warenm\u00e4rkte.<br \/>\nDer gesamte Kompensationsmechanismus mu\u00dfte also zum Stehen kommen in demselben Ma\u00dfe, wie die fordistische Expansionskraft erlosch. Hinsichtlich der \u00e4u\u00dferen Expansion wurde dieser kritische Punkt schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht; der Kapitalexport wurde zunehmend zum Nullsummen-, wenn nicht zum Negativsummenspiel, d.h. es handelte sich immer weniger um Produktionserweiterung und immer mehr um blo\u00dfe Produktionsverlagerung aus Kostengr\u00fcnden; eine heute durch die Globalisierung der Produktion in sein Reifestadium eintretender Proze\u00df (ablesbar schon fr\u00fchzeitig daran, da\u00df der Welthandel schneller wuchs als die Weltproduktion). Insofern trat (und tritt) auch der krisentheoretische Gedanke von Rosa Luxemburg sozusagen wieder in sein Recht ein, da die kompensatorische Qualit\u00e4t der \u00e4u\u00dferen Expansion erlischt und ihre unmittelbare Krisenqualit\u00e4t als Grenze der Produktionsweise wieder sichtbar wird.<br \/>\nWesentlich aber wurde erst der Zusammenbruch des Kompensationsmechanismus auf der Ebene der inneren Expansion, der mit der mikroelektronischen Revolution ein kritisches Stadium erreichte. Ende der 60er Jahre hatte sich auch die fordistische Expansion nach innen ersch\u00f6pft. Denn erstens waren Landwirtschaft, kleine Warenproduktion und -Distribution etc. nun vollends in die betriebswirtschaftliche Rationalit\u00e4t eingesaugt und fordistisch industrialisiert; zweitens erreichten die fordistischen Produktinnovationen ebenso wie die M\u00e4rkte des nun nicht mehr so neuen Massenkonsums ihre S\u00e4ttigungsgrenzen. Danach konnten Innovationen wie z.B. die Abl\u00f6sung der Langspielplatte durch die CD und \u00e4hnliche neue Produkte auf der Ebene der realen Wertsch\u00f6pfung keine gro\u00dfen Sch\u00fcbe mehr bewirken; bei den alten fordistischen G\u00fctern (Automobile, wei\u00dfe und braune Ware etc.) gab es nur noch Ersatzk\u00e4ufe (beschleunigt allenfalls durch \u00bbk\u00fcnstlichen Verschlei\u00df\u00ab, d.h. bewu\u00dft eingebaute schnellere Materialerm\u00fcdung und somit Qualit\u00e4tsverschlechterung), aber es konnten keine neuen gro\u00dfen K\u00e4uferschichten mehr erschlossen werden.<br \/>\nDiese hochfordistische Stagnation lie\u00df sich noch ein wenig strecken durch die Expansion der Investitionsg\u00fcterindustrie. Nach innen waren dies jedoch schon zunehmend reine Rationalisierungs-Investitionen, die das reale gesamtgesellschaftliche Wertsch\u00f6pfungspotential insgesamt zu untergraben begannen; nach au\u00dfen waren es die fordistischen Nachz\u00fcgler an der kapitalistischen Peripherie und in der Dritten Welt, die ein gewisses Exportpotential zus\u00e4tzlich erschlossen. In dieser Hinsicht zeigte es sich jedoch schon bald, da\u00df die fordistische Expansion nicht verallgemeinerungsf\u00e4hig ist, sondern sich auf wenige L\u00e4nder beschr\u00e4nken mu\u00df. Sowohl die Vorauskosten des betrieblichen Sachkapitals als auch die Kosten der notwendigen gesellschaftlichen Infrastruktur sind seit dem Zweiten Weltkrieg in derart astronomische H\u00f6hen gestiegen, da\u00df sie f\u00fcr die allermeisten L\u00e4nder schon in den 70er Jahren unerschwinglich wurden. Die fordistische Expansion blieb hier in den Anf\u00e4ngen oder auf halbem Wege stecken. Importe betrieblicher und infrastruktureller Investitionsg\u00fcter mu\u00dften durch Kredite vorfinanziert werden, ohne da\u00df die damit in Gang gebrachten Produktionsprozesse ausreichten, auch nur die Verzinsung dieser Kredite zu bedienen. Das Resultat sollte schon bald die ber\u00fcchtigte Schuldenkrise der Dritten Welt sein, die bis heute anh\u00e4lt und inzwischen ein Volumen von 1,8 Billionen Dollar erreicht hat. In vielen F\u00e4llen handelte es sich von vornherein um v\u00f6llig unsinnige Investitionsruinen (Staud\u00e4mme, Atomkraftwerke etc.), die nur im Zusammenspiel von korrupten Politikern und internationalen Konzernen (vom Schlage Siemens z.B.) zwecks Abkassieren ins Werk gesetzt wurden.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#33\">33<\/a><br \/>\nDas in den meisten F\u00e4llen katastrophale Steckenbleiben der fordistischen Expansion an der kapitalistischen Peripherie k\u00fcndigte aber das krisenhafte Ende auch in den Kernl\u00e4ndern selbst an. Schon die \u00d6lkrise Mitte der 70er Jahre zeigte, da\u00df die stagnierende reale Wertsch\u00f6pfung der fordistischen Industrien f\u00fcr zus\u00e4tzliche Kostenbelastungen empfindlich geworden war. Es begann eine historisch gegenl\u00e4ufige Bewegung, deren augenf\u00e4lligste Erscheinung die strukturelle Massenarbeitslosigkeit in allen fordistischen Sektoren ist, die von Zyklus zu Zyklus weiter anschwillt. Der Hauptmotor dieses Prozesses war seit Beginn der 80er Jahre die mikroelektronische Revolution, die den industriellen Besch\u00e4ftigungskern abschmelzen lie\u00df wie Schnee an der Sonne. In mehreren Sch\u00fcben ging die industrielle Besch\u00e4ftigung zwischen 1980 und 1995 allein in der BRD um mehrere Millionen zur\u00fcck. Dasselbe gilt f\u00fcr die \u00fcbrigen Industriel\u00e4nder. Dieser R\u00fcckgang wurde keineswegs durch die nachholende fordistische Expansion in Asien und anderswo ausgeglichen oder gar \u00fcberkompensiert, wie eine akkumulationstheoretisch naive Argumentation nicht zuletzt marxistischer Provenienz meint.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#34\">34<\/a> Diese Aufrechnung auf den ersten Blick beeindruckender Zahlen der industriellen Expansion etwa in Indien, China oder bei den \u00bbkleinen Tigern\u00ab S\u00fcdostasiens \u00fcbersieht aber zweierlei. Erstens handelt es sich gerade im Fall von Gro\u00dfstaaten wie China immer noch gro\u00dfenteils um das von Jahr zu Jahr prek\u00e4rer werdende Auslaufmodell jener staatlich subventionierten Phantom-Industrien (vom Standpunkt des Weltmarkts aus), die bei einer zunehmenden \u00d6ffnung, wie sie durch die neue Exportindustrialisierung erzwungen wird, nicht mehr haltbar sind. Per Saldo wird viel weniger zus\u00e4tzliche Besch\u00e4ftigung in den Sektoren der weltmarktorientierten Exportindustrialisierung geschaffen, als mittelfristig durch denselben Proze\u00df bei den alten Staatsindustrien \u00fcber den Jordan gehen mu\u00df.<br \/>\nZweitens aber hei\u00dft mehr industrielle Besch\u00e4ftigung bei einigen (insgesamt wenigen) fordistischen Nachz\u00fcglern keineswegs auch mehr reale Wertsch\u00f6pfung, deren Standard mit zunehmender Globalisierung vom Produktivit\u00e4tsniveau des Weltmarkts und damit von den h\u00f6chstentwickelten Industriesystemen diktiert wird. Da auch f\u00fcr die asiatischen Newcomer diese betrieblichen und infrastrukturellen Standards im gro\u00dfen Ma\u00dfstab unerschwinglich sind, versuchen sie diesen Nachteil vor allem durch Billiglohn, miserable Arbeitsbedingungen und r\u00fccksichtslose Umweltzerst\u00f6rung wettzumachen. Langfristig ist das auch betriebswirtschaftlich unhaltbar, kurzfristig aber kann dadurch die \u00dcberlegenheit der industriellen Kernl\u00e4nder in der Kapitalausstattung teilweise ausgeglichen werden. Unter den Bedingungen der Globalisierung sind es zunehmend westliche Konzerne selbst, die durch weltweit flexibilisierte Investitionen das Gef\u00e4lle bei L\u00f6hnen und politischen Auflagen ausn\u00fctzen. All dies spielt sich aber wieder nur im betriebswirtschaftlich beschr\u00e4nkten Rahmen und auf der Marktoberfl\u00e4che ab. Die reale Wertsch\u00f6pfung des Weltkapitals wird dadurch keineswegs erweitert. Denn gemessen am globalen Produktivit\u00e4tsstandard kann es sein, da\u00df 100 oder 1000 Billiglohnarbeiter mit relativ geringer Sachkapital-Ausstattung kein bi\u00dfchen mehr Wert produzieren als ein einziger High-tech-Arbeiter mit hoher Sachkapital-Ausstattung in demselben Sektor. Was sich f\u00fcr die partikulare Kostenrechnung des Einzelkapitals, das gegen\u00fcber dem Gesamtproze\u00df der Verwertung seiner Natur nach blind sein mu\u00df, als vorteilhaft darstellt, hat mit der substantiellen gesellschaftlichen (heute: weltgesellschaftlichen) Wertsch\u00f6pfung gar nichts zu tun.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#35\">35<\/a> Nat\u00fcrlich wird sich das Problem der realen Wertsubstanz letzten Endes auch auf der Marktoberfl\u00e4che krisenhaft bemerkbar machen, als scheinbar \u00e4u\u00dfere und unerwartete Begrenzung f\u00fcr das betriebswirtschaftliche Kalk\u00fcl.<br \/>\nPer Saldo kann heute grunds\u00e4tzlich gesagt werden, da\u00df im Zuge der mikroelektronischen Revolution, deren Potential noch l\u00e4ngst nicht ausgesch\u00f6pft ist, zusammen mit der fordistischen Expansion die Ausdehnung der produktiven Arbeit und damit der realen Wertsch\u00f6pfung seit Beginn der 80er Jahre zum Stillstand gekommen und inzwischen global negativ geworden ist. Das aber bedeutet nichts anderes, als da\u00df der historische Kompensationsmechanismus, der die gleichzeitige Expansion der kapitalistisch unproduktiven Arbeit trug, bereits nicht mehr existiert. Die Basis der kapitalistischen Reproduktion ist eigentlich schon an ihre absolute Grenze gesto\u00dfen, auch wenn dieser Kollaps (im substantiellen Sinne) auf der formellen Erscheinungsebene noch nicht realisiert ist. Diese Realisierung aber stellt sich nicht mehr als blo\u00df versch\u00e4rfte Degression der Profitrate dar. Denn dieser Ausdruck bezeichnet ja nur die Art und Weise, wie die <i>relative<\/i> Grenze kapitalistischer Reproduktion unter den Bedingungen einer noch anwachsenden absoluten Profitmasse (Ausdehnung der Produktionsweise) erscheint.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#36\">36<\/a> Insofern hat Rosa Luxemburg in ihrer \u00bbAntikritik\u00ab wieder recht, auch wenn sich diese relative Begrenzung keineswegs \u00bbbis zum Erl\u00f6schen der Sonne\u00ab hinzieht. Die absolute Grenze erscheint jedoch nicht in der Form, da\u00df der \u00bbtendenzielle Fall\u00ab sich einfach linear beschleunigt, soda\u00df der Kapitalismus wom\u00f6glich vom Management mangels Rentabilit\u00e4t resigniert aufgegeben w\u00fcrde. Vielmehr h\u00f6rt mit dem Erreichen der absoluten Grenze die absolute Akkumulation von realem \u00bbWert\u00ab \u00fcberhaupt auf. Substantiell gesehen \u00bbsinkt\u00ab dann die Profitrate nicht, sondern zusammen mit dem Verschwinden zus\u00e4tzlicher Wertmasse h\u00f6rt sie \u00fcberhaupt zu existieren auf. Der Begriff wird sinnlos.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#37\">37<\/a> Formell geht allerdings trotzdem gleichzeitig der Akkumulationsproze\u00df noch eine Zeitlang weiter (und somit werden formell auch weiter Profite gemacht), jetzt aber g\u00e4nzlich abgehoben von der (schrumpfenden) realen Wertsubstanz und nur noch den nunmehr endg\u00fcltig enthemmten Kreationen des \u00bbfiktiven Kapitals\u00ab und des substanzlosen Geldes in seinen diversen Erscheinungsformen folgend.<br \/>\nDie kapitalistischen Institutionen haben in den 80er Jahren durchaus auf diese Entwicklung reagiert. Einerseits wurden im Zuge der weltweit durchgesetzten neoliberalen Ideologie die Finanzm\u00e4rkte in einem nie dagewesenen Ausma\u00df \u00bbdereguliert\u00ab (d.h. von allen noch vorhandenen Sicherungsmechanismen \u00bbbefreit\u00ab), um gen\u00fcgend globale Liquidit\u00e4t f\u00fcr den \u00bbentkoppelten\u00ab Proze\u00df der Phantom-Akkumulation zu schaffen. Andererseits wurde eine Offensive gegen den Staatskonsum gestartet (vor allem gegen den Sozialstaat), um die Staatsquote zu senken und vermeintlich wieder \u00bbregul\u00e4re\u00ab Verh\u00e4ltnisse herzustellen; insofern ist der Monetarismus gewisserma\u00dfen als eine Art d\u00fcstere Vorahnung und als instinktive Reaktion der kapitalistischen Institutionen zu werten. Diese Hoffnung auf R\u00fcckkehr zur \u00bbregul\u00e4ren\u00ab Akkumulation des Kapitals ist jedoch eine eitle, denn an die Stelle des Staatskonsums tritt keineswegs ein entsprechend gro\u00dfes privatkapitalistisches Segment, sondern es kommt lediglich das substantielle Vakuum der Reproduktion zum Vorschein; d.h. die Tatsache, da\u00df ein zu gro\u00dfer Teil der kapitalistischen Produktion selber l\u00e4ngst vom \u00bbfiktiven Kapital\u00ab des Staatskonsums abh\u00e4ngig ist und einen wirklich \u00bbschlanken Staat\u00ab gar nicht verkraften kann. Die \u00bbreaganomische\u00ab und \u00bbthatcheristische\u00ab Offensive gegen den Staatskonsum ist daher selbst in den USA und Gro\u00dfbritannien zum Erliegen gekommen. Der Knoten der gro\u00dfen, auch empirisch f\u00fchlbarer als bisher in Erscheinung tretenden Krise sch\u00fcrzt sich zwangsl\u00e4ufig auf der Ebene der entkoppelten Finanzm\u00e4rkte.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>8. Die globalen Defizitstrukturen und der kurze Sommer des Kasinokapitalismus<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"q38\"><\/a><a name=\"q39\"><\/a><a name=\"q40\"><\/a><a name=\"q41\"><\/a><a name=\"q42\"><\/a><a name=\"q43\"><\/a><a name=\"q44\"><\/a><a name=\"q45\"><\/a> F\u00fcr das notorische Kurzzeitged\u00e4chnis von marktsozialisierten Wesen (und dazu geh\u00f6ren l\u00e4ngst auch linke bzw. ex-linke Theoretiker) mag sich all dies phantastisch anh\u00f6ren, weil sie an die absolute Krise erst \u00bbglauben\u00ab, wenn sie selber aus der M\u00fclltonne fressen oder unter Artilleriebeschu\u00df liegen; und, Verdr\u00e4ngungsk\u00fcnstler, die sie sind, wahrscheinlich nicht einmal dann. Wo bricht denn hier etwas zusammen?, so fragen sie mehr oder weniger milde l\u00e4chelnd. Nun haben wir es zwar tats\u00e4chlich mit historischen Prozessen zu tun; allerdings sind es im historischen Sinne eher kurze Prozesse, auch wenn sie dem markt- und politikf\u00f6rmigen Bewu\u00dftsein vorerst noch lang erscheinen m\u00f6gen. War der sibirische Sommer des fordistischen Nachkriegsbooms schon kurz, so wird die darauffolgende \u00c4ra des entkoppelten \u00bbKasinokapitalismus\u00ab noch k\u00fcrzer sein. Seit der Mitte der 80er Jahre ist die Scheinakkumulation in einen rein spekulativen Boom \u00fcbergegangen, der in den 90er Jahren auf hohem Niveau verharrt, obwohl sich das \u00bbPlatzen der Blase\u00ab schon mehrfach angedeutet hat.<br \/>\nWelche Folgen h\u00e4tte es, wenn die globale Blase platzt? Naive Gem\u00fcter glauben: gar keine oder nur geringe; und einige f\u00fchren dabei sogar Marx ins Feld, der in der Tat geschrieben hatte: \u00bbSoweit die Entwertung oder Wertsteigerung dieser Papiere unabh\u00e4ngig ist von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, das sie repr\u00e4sentieren, ist der Reichtum einer Nation gerade so gro\u00df vor wie nach der Entwertung oder Wertsteigerung\u00ab (Kapital Bd. 3, 486). Das gilt aber nat\u00fcrlich nur, soweit das \u00bbfiktive Kapital\u00ab sich ausschlie\u00dflich im Finanz- und Kredit\u00fcberbau bewegt ohne R\u00fcckkoppelung auf die reale Reproduktion. Schon Marx machte deshalb gewisse Einschr\u00e4nkungen: \u00bbSoweit ihre Entwertung nicht wirklichen Stillstand der Produktion und des Verkehrs auf Eisenbahnen und Kan\u00e4len, oder Aufgeben von angefangenen Unternehmungen ausdr\u00fcckte, oder Wegwerfen von Kapital in positiv wertlosen Unternehmungen, wurde die Nation um keinen Heller \u00e4rmer durch das Zerplatzen dieser Seifenblasen von nominellem Geldkapital\u00ab (a.a.O.).<br \/>\nWie reich aber \u00bbdie Nation\u00ab wirklich ist, ob sie sich \u00bbreich gerechnet\u00ab und Produktion wie Einkommen scheinfinanziert hat, oder ob sich der Krach wirklich blo\u00df im Finanzolymp abspielt und lediglich \u00bbdie Spekulanten\u00ab arm macht: das eben ist die Frage. Schon zur Zeit von Marx ging es bei Entwertungsschocks des \u00bbfiktiven Kapitals\u00ab keineswegs ohne mehr oder minder schwere Blessuren der industriellen Produktion ab; etwa beim Gr\u00fcnderzeitkrach der Eisenbahnspekulation, dem eine fast zwanzigj\u00e4hrige Stagnationsperiode folgte.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#38\">38<\/a> Sicherlich war aber die Bewegung des \u00bbfiktiven Kapitals\u00ab unter den Bedingungen des 19. Jahrhunderts, als der Kapitalismus erstens blo\u00df ein gesellschaftliches Segment und zweitens seine Reproduktion noch viel weniger vom Kreditsystem abh\u00e4ngig war, tats\u00e4chlich relativ beschr\u00e4nkt sowohl von ihrem Volumen her als auch in der R\u00fcckwirkung auf die reale Produktion. Die heutige Situation dagegen h\u00e4tte sich wohl selbst Marx nicht vorstellen k\u00f6nnen. Denn nach dem Ende der fordistischen Expansion hat sich ja das Verh\u00e4ltnis geradezu umgekehrt: die reale Reproduktion ist zum Anh\u00e4ngsel einer riesigen Blase des \u00bbfiktiven Kapitals\u00ab in seinen diversen Erscheinungsformen und Aggregatzust\u00e4nden geworden, statt diese Blase ihrerseits als blo\u00dfe Emanation aus sich hervorzutreiben.<br \/>\nWie aber stellt sich dieser Sachverhalt genauer dar? Staatskredit und spekulatives Geldkapital sind auf vielfache Weise miteinander verwoben, soda\u00df ein Entwertungsschock des Finanz\u00fcberbaus in der einen oder anderen Weise auch die Staatspapiere mit sich rei\u00dfen bzw. die Refinanzierungsf\u00e4higkeit des Staates zerst\u00f6ren w\u00fcrde. Insofern mu\u00df sich in diesem Fall die Subventionierung ganzer Sektoren von Industrie und Landwirtschaft, die heute schon in vielen L\u00e4ndern der ehemaligen Dritten Welt zusammengebrochen ist, auch in den anderen L\u00e4ndern aufl\u00f6sen; in Ru\u00dfland, Indien und China ebenso wie in den OECD-L\u00e4ndern selbst. Diese global immer noch erhebliche Subventionsmasse ist ja de facto von der Logik des Marktes her nichts anderes als \u00bbWegwerfen von Kapital in positiv wertlosen Unternehmungen\u00ab; und es versteht sich von selbst, da\u00df dieser Faktor heute ein ganz anderes Gewicht hat als zur Zeit von Marx, wo er in der Tat eher vernachl\u00e4ssigenswert bzw. auf einen relativ geringen Teil der privaten Investitionen beschr\u00e4nkt war.<br \/>\nInzwischen \u00fcbersteigt allerdings das private Spekulationskapital in seinen phantasievollen derivativen Kreationen den Staatskredit bei weitem; was nur ein Ausdruck daf\u00fcr ist, da\u00df seit Beginn des Kasinokapitalismus erstens eine immer gr\u00f6\u00dfere Masse des nicht mehr real reinvestierbaren fordistischen Geldkapitals in den Finanz\u00fcberbau gestr\u00f6mt ist (\u00bb\u00dcberakkumulation\u00ab der fordistischen Industrien seit den 70er Jahren) und zweitens dort in seiner Scheinakkumulation (G-G&rsquo;) inzwischen eine beispiellose Masse fiktiver Werte aufgeh\u00e4uft hat, die verbucht und als reale Geldverm\u00f6gen behandelt werden. Es ist ganz sicher, da\u00df ein gewisser Teil dieser fiktiven kommerziellen Gelder entweder direkt oder durch Beleihen (was die Blase nat\u00fcrlich noch weiter aufbl\u00e4ht) als scheinbar reale Nachfrage in die Reproduktion zur\u00fcckkehrt. Es werden damit also Produktionsprozesse angeheizt, die gar keine substantielle Grundlage haben und bei einem Entwertungskrach zum Stillstand kommen m\u00fcssen. Auch dieser Faktor ist sicher um vieles bedeutender als zur Zeit von Marx.<br \/>\nGemessen an der Gesamtmasse des kommerziellen \u00bbfiktiven Kapitals\u00ab ist diese Art der R\u00fcckwirkung auf die reale Reproduktion in Form des Einspeisens von Nachfrage ohne reale Wertsubstanz allerdings bis jetzt \u00e4u\u00dferst gering, im Unterschied zum Staatskonsum. W\u00fcrde sich das gesamte Gebirge der fiktiven kommerziellen Werte heute als realwirtschaftlicher Nachfrageschub in Bewegung setzen, dann w\u00fcrde das die sofortige Hyperinflation auch im Westen bedeuten.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#39\">39<\/a> Dennoch kann auch dieser Hauptteil der fiktiven Werte, der gegenw\u00e4rtig nicht als Nachfrage in die reale Reproduktion eingespeist wird, sondern im Spekulations\u00fcberbau verbleibt, durchaus indirekt gro\u00dfe Sektoren der scheinbar realen und produktiven Reproduktion tragen. Die L\u00f6sung dieses R\u00e4tsels findet sich auf der Ebene der Bilanzen. Eine Bilanz, das darf man nie vergessen, ist grunds\u00e4tzlich eine frisierte Angelegenheit, die immer erst entschl\u00fcsselt werden mu\u00df. Dennoch ist f\u00fcr eine positive oder wenigstens ausgeglichene Bilanz nat\u00fcrlich stets ein tats\u00e4chliches \u00bbHaben\u00ab (\u00bbtats\u00e4chlich\u00ab im Sinne von Guthaben in welcher Form auch immer) notwendig, wenn es sich nicht um eine einfache F\u00e4lschung handeln soll (da\u00df auch die blo\u00dfen F\u00e4lschungen rapide zunehmen, ist ein Indiz f\u00fcr die Ann\u00e4herung an die Grenze der fiktiven Akkumulation). Woher dieses Guthaben stammt und in welcher Form es aggregiert wird, das steht aber auf einem anderen Blatt.<br \/>\nWie stellt sich nun die Verschiebung vom industriellen Real- zum spekulativen Kasinokapitalismus auf der Ebene der Bilanzen dar? Die Antwort mu\u00df lauten: dadurch, da\u00df sich das Gewicht bei den Gewinnen und Guthaben von Einkommen, die aus der industriellen Realakkumulation abgeleitet sind (G-W-G&rsquo;) zu Einkommen verlagert, die aus dem spekulativen Finanz\u00fcberbau stammen (G-G&rsquo;). Mit anderen Worten: nicht mehr die reale Produktion und deren Erfolg auf dem Markt ist der entscheidende Faktor, sondern eine clevere Finanzabteilung, die eine marode Bilanz in die schwarzen Zahlen zocken kann. Oder andersherum: die Behauptung von Marktanteilen gelingt ganz oder teilweise nur noch durch Zufuhr von spekulativen Gewinnen. Nat\u00fcrlich verh\u00e4lt es sich nicht in jedem Einzelfall so; entscheidend aber ist, welches Gewicht gesamtgesellschaftlich das \u00bbfiktive Kapital\u00ab an der Bilanzierung hat. Diese Guthaben m\u00fcssen weder als investive noch als konsumtive Realnachfrage erscheinen und k\u00f6nnen trotzdem einen erheblichen Teil der realen Reproduktion dadurch tragen, da\u00df sie Unternehmen, Produktion und Besch\u00e4ftigung \u00fcber Wasser halten, indem sie nur die Bilanz \u00bbschw\u00e4rzen\u00ab. W\u00fcrde das \u00bbfiktive Kapital\u00ab im gro\u00dfen Ma\u00dfstab entwertet, dann h\u00e4tte dies den schnellen Bankrott einer ungeahnt gro\u00dfen Zahl von scheinbar \u00bbkerngesunden\u00ab Firmen zur Folge.<br \/>\nDa\u00df es sich dabei nicht um blo\u00dfe Vermutungen handelt, zeigen die Skandale, Gro\u00dfbankrotte und pl\u00f6tzlich notwendigen \u00bbRettungsaktionen\u00ab der letzten Jahre, an denen die Spitze eines Eisbergs sichtbar wird. Ob es sich um den Fall der Frankfurter Metallgesellschaft, um die Milliardenpleite des Baul\u00f6wen Schneider oder um den Bankrott der Londoner Traditionsbank Barings handelt: stets gab es einen scheinbar unvermittelten \u00dcbergang von guten Bilanzen zur Insolvenz, weil die Finanzabteilung sich verspekuliert hatte; sei es im Bereich von Immobilien, Devisen, Termingesch\u00e4ften oder sonstigen derivativen Spekulationsformen. Die Banken sind zum Zentrum nicht mehr so sehr des reellen kapitalistischen Kreditgesch\u00e4fts, sondern der globalen Zockerei geworden; und es klingt durchaus glaubhaft, wenn der gefl\u00fcchtete Ex-Unternehmerstar Schneider die Deutsche Bank beschuldigt, das unseri\u00f6se Abheben seiner Gesch\u00e4fte nach Leibeskr\u00e4ften und durchaus bewu\u00dft gef\u00f6rdert zu haben. \u00a0\u00a0Symptomatisch ist auch der Fall Barings. Am 4. Februar 1995 wurde die Bank in einem schmeichelhaften Report der FAZ als extrafeine Adresse und als \u00bbeine der st\u00e4rksten in Asien\u00ab ger\u00fchmt, mit 54 Prozent Gewinn in 1994. Und ihr Chef Peter Baring wurde mit den Worten zitiert: \u00bbWir m\u00fcssen nicht jede Modeerscheinung mitmachen. Wir k\u00f6nnen langfristig denken\u00ab. Wahrhaftig ein Fall f\u00fcr die linksradikalen Gesundbeter des Kapitalismus, um zu zeigen, wie gut \u00bbdas Kapital\u00ab dasteht. Nicht einmal eine Woche sp\u00e4ter war Barings bankrott, zu Tode gezockt durch einen 29j\u00e4hrigen Broker in Singapur, der sich an der Tokioter B\u00f6rse vergaloppiert hatte. So etwas w\u00e4re bei einem nach seinen eigenen Kriterien reellen Kapitalismus, in dem das Bankensystem wirklich in erster Linie die Finanzierung realer marktf\u00e4higer Produktion vermittelt, gar nicht m\u00f6glich gewesen.<br \/>\nEs sind aber keineswegs nur die Banken und die Finanzabteilungen der Unternehmen, die zu ganovenartigen Wettgemeinschaften im globalen Spielkasino geworden sind. Auch Rentenversicherer, staatliche Finanzverwaltungen, Stadtk\u00e4mmerer von Tokio bis Hintertupfing, Kassierer von Parteien, Vereinen und privaten Gesellschaften mischen immer hemmungsloser mit; teils schon von der Not getrieben, weil die reellen Eink\u00fcnfte hinten und vorne nicht mehr ausreichen. Dabei verh\u00e4lt es sich ganz \u00e4hnlich wie bei den Unternehmensbilanzen: Mehr oder weniger katastrophale Finanzverh\u00e4ltnisse werden durch Zockerei mit Derivaten gesch\u00f6nt. Es kann im Einzelfall auch sein, da\u00df es die diversen Finanzverantwortlichen einfach in den Fingern juckt und sie ihrer jeweiligen Institution etwas Gutes tun wollen, wenn es scheinbar so leicht ist, mit gen\u00fcgend Spielgeld aus dem Nichts dicke Finanzpolster zu hecken. Da\u00df man dabei baden gehen kann, mu\u00dfte z.B. 1994 ein Schatzmeister der PDS erfahren, der eine Landes-Parteikasse mit den besten Absichten verzockt hatte. Als 1994 der US-Landkreis Orange County Bankrott anmelden mu\u00dfte, weil seine Finanzverwaltung sich verspekuliert hatte, beeilten sich bundesdeutsche L\u00e4nderfinanzminister und Pressesprecher der Verwaltungen zu versichern, so etwas k\u00f6nne hierzulande nicht passieren. Das ist jedoch v\u00f6llig unglaubw\u00fcrdig, denn gleichzeitig wurde bekannt, da\u00df den Finanzverwaltungen die \u00bbInvestition\u00ab in derivative Finanzanlagen durchaus gestattet ist.<br \/>\nBei den bisher betrachteten Aggregierungen des \u00bbfiktiven Kapitals\u00ab und ihrer R\u00fcckkoppelung auf die reale Reproduktion handelt es sich im wesentlichen um einen allgemeinen Zustand der globalen \u00bbstrukturellen \u00dcberakkumulation\u00ab, der mehr oder weniger ausgepr\u00e4gt in allen Volkswirtschaften bis hin zu den Zusammenbruchs\u00f6konomien eine kasinokapitalistische Struktur ohne realkapitalistische Tragf\u00e4higkeit auf dem Boden des jeweiligen nationalen Geldes hervorgetrieben hat.<a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/druck.php?tabelle=schwerpunkte&amp;posnr=71#40\">40<\/a> Solange die absurde globale Liquidit\u00e4tssch\u00f6pfung des \u00bbfiktiven Kapitals\u00ab noch weiter (und heute hemmungsloser denn je) expandiert, k\u00f6nnen die Entwertungskatastrophen auf signifikante Einzelf\u00e4lle beschr\u00e4nkt bleiben, die sich erst bei der unvermeidlichen Kontraktion verallgemeinern werden. Da\u00df die Gr\u00f6\u00dfenordnung bereits irrsinnig geworden ist, l\u00e4\u00dft sich an den Sch\u00e4tzungen der Finanzanalytiker ablesen, die allein f\u00fcr die neuen derivativen Spekulationsformen ein Volumen zwischen 10 und 50 Billionen Dollar annehmen. Die Schwankungen erkl\u00e4ren sich daraus, da\u00df niemand mehr einen \u00dcberblick besitzt und das Herausnehmen der institutionellen Sicherungen auch die statistische<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cet article de Robert Kurz est discut\u00e9 par Michael Heinrich dans sa contribution \u00ab\u00a0Effondrement du capitalisme. Krisis et la crise\u00a0\u00bb.\u00a0Il est actuellement disponible sur la revue Exit!. &nbsp; Robert Kurz Die Himmelfahrt des Geldes Strukturelle Schranken der Kapitalverwertung, Kasinokapitalismus und &hellip; <a href=\"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/?p=1086\">Continuer la lecture <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14481,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,37,11,12,1],"tags":[],"class_list":["post-1086","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bibliotheque-de","category-crise","category-heinrich-critiques","category-economie","category-general"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1086","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14481"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1086"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1086\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1683,"href":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1086\/revisions\/1683"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1086"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1086"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1086"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}