{"id":1698,"date":"2020-03-12T16:18:04","date_gmt":"2020-03-12T15:18:04","guid":{"rendered":"http:\/\/liremarx.noblogs.org\/?p=1698"},"modified":"2020-03-15T20:59:19","modified_gmt":"2020-03-15T19:59:19","slug":"werttheorie-profitratenfall-und-traditionsmarxismus-michael-heinrich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/?p=1698","title":{"rendered":"Werttheorie, Profitratenfall und Traditionsmarxismus, Michael Heinrich, 2004"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\" align=\"JUSTIFY\"><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1243 alignleft\" src=\"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/files\/2020\/03\/t\u00e9l\u00e9chargement.jpg\" alt=\"\" width=\"301\" height=\"167\" \/><\/em>in: trend onlinezeitung 09\/04<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In den Ausgaben von 06\/04 und 07\/04 von trend wurden meine Auffassungen zur Werttheorie und zum Profitratenfall, die ich in der \u201eWissenschaft vom Wert\u201c (3. Aufl., M\u00fcnster 2003) vertreten habe, von verschiedenen Autoren kritisiert (vgl. Daniel Dockerill in 06\/04, Karl M\u00fcller im Editorial von 07\/04, Robert Schlosser in einem Exkurs seiner Postonekritik in 06\/04, und in einem Text zum Profitratenfall in 07\/04). Gemeinsam ist den genannten Beitr\u00e4gen ein Verst\u00e4ndnis der Marxschen Theorie, das von mir und von anderen als \u201etraditioneller Marxismus\u201c kritisiert wurde. Die Auseinandersetzung mit meinen Kritikern ist daher auch eine mit dem Traditionsmarxismus.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Substanzialistische oder monet\u00e4re Werttheorie<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In der traditionellen Lesart der Marxschen Werttheorie wird eine weitgehend \u201esubstanzialistische\u201c Auffassung vertreten: Wert gilt dort als eine der einzelnen Ware eingeschriebene Eigenschaft, die sie allein im Rahmen des Produktionsprozesses erh\u00e4lt. Austausch und Geld spielen gegen\u00fcber der Produktion nur eine untergeordnete Rolle, indem der in der Produktion bestimmte Wert realisiert wird, oder eben manchmal auch nicht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Zwar finden sich einige \u00c4u\u00dferungen von Marx, die sich in diesem Sinne interpretieren lassen, au\u00dfer einer ganzen Reihe von gegenteiligen \u00c4u\u00dferungen spricht aber vor allem der Gang seiner Argumentation eine ganz andere Sprache. Die substanzialistische Auffassung bezieht sich im wesentlichen auf die ersten f\u00fcnf Seiten des \u201eKapital\u201c (MEW 23, S.49-54), mit der Definition \u201egesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit\u201c ist f\u00fcr sie schon alles Wichtige gesagt. Wertformanalyse, Fetischismus und noch ein eigenes Kapitel zum Austauschprozess &#8211; also genau die Abschnitte, die Marx mehrfach umformulierte, mit denen er sich offensichtlich schwer tat, passen in diese Sichtweise nicht so richtig hinein. In den traditionellen Darstellungen werden sie dann auch gar nicht oder nur ganz kurz behandelt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die substanzialistische Auffassung der Werttheorie kritisierte ich in der \u201eWissenschaft vom Wert\u201c. Im Anschluss an bereits in den 70er Jahren gef\u00fchrte Diskussionen versuchte ich die Marxsche Werttheorie als \u201emonet\u00e4re Werttheorie\u201c zu rekonstruieren: als Werttheorie, bei der sich der Wert gerade nicht an der einzelnen Ware festmacht, sondern erst der Austausch die Produkte wirklich in Waren (und damit in Wertgegenst\u00e4nde) verwandelt, wobei ein nicht nur vereinzelter sondern verallgemeinerter Austausch nur m\u00f6glich ist durch Geld. Dabei schafft der Austausch keineswegs Wert aus dem Nichts, vielmehr vermittelt er die Arbeiten der einzelnen Warenproduzenten: die privat verausgabte, individuelle, konkrete Arbeit wird im Austausch zu gesellschaftlicher und das hei\u00dft in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft: wertbildender, abstrakter Arbeit (eine ausf\u00fchrliche Auseinandersetzungen mit dem Thema findet man in Kapitel 6 der \u201eWissenschaft vom Wert\u201c, eine kurz gefasste Darstellung habe ich in \u201eKritik der politischen \u00d6konomie. Eine Einf\u00fchrung\u201c, Schmetterling Verlag 2004, Kapitel 3 gegeben). Dabei zeigt sich, dass die typische Frage, die von Vertretern der substanzialistischen Auffassung so gerne gestellt wird, \u201ewo entsteht der Wert, in der Produktion\u00a0<em>oder<\/em>\u00a0in der Zirkulation?\u201c, falsch gestellt ist. Es ist das spezifisch b\u00fcrgerliche Verh\u00e4ltnis von Produktion\u00a0<em>und<\/em>\u00a0Zirkulation (private Produktion und nachtr\u00e4gliche Gesellschaftlichkeit im Austausch), die das gesellschaftliche Verh\u00e4ltnis der Produzenten zum Wert verdinglicht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Robert Schlosser versucht nun in dem oben erw\u00e4hnten Exkurs, die substanzialistische Auffassung mit einem einigerma\u00dfen merkw\u00fcrdigen Argument aufrecht zu erhalten: die Ware sei Tr\u00e4ger von Wert, weil ihre Erzeugung Geld gekostet habe. Mir wirft er vor, dass, wenn ich die Ware au\u00dferhalb des Tausches nur als Gebrauchswert betrachte, ich dann wohl von einer Ware ausgehe, deren Produktion kein Geld gekostet habe. Und \u00fcberhaupt m\u00fcsse man an der einzelnen Ware als Tr\u00e4ger von Wert festhalten, nur dann k\u00f6nne man von Verwertung bzw. von Wertvernichtung und Entwertung im Falle eines Scheiterns des Verkaufs sprechen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das Problem, um das es hier geht, hat jedoch \u00fcberhaupt nichts damit zu tun, ob bei der Herstellung eines Produkts Geld verausgabt wurde oder nicht. Es geht um die Frage, ob die Arbeitsprodukte au\u00dferhalb des Tauschs nur Gebrauchswerte sind und sie &#8211; wie es Marx stets betont, wenn er explizit auf den Austauschprozess zu sprechen kommt &#8211; erst im Austauschprozess \u201eeinander tats\u00e4chlich gleichgesetzt und daher tats\u00e4chlich in Waren verwandelt werden\u201c (MEW 23, S. 101f) oder ob sie Waren (und damit Werte) auch au\u00dferhalb des Austauschs, n\u00e4mlich im Produktionsprozess sind. Diese Frage kann man f\u00fcr eine Handvoll Beeren, die ohne Geld zu verausgaben im Wald gepfl\u00fcckt und auf dem Markt angeboten werden, genauso stellen, wie f\u00fcr das kostspielige Produkt eines industriellen Fertigungsprozesses.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Antwort auf diese Frage l\u00e4sst sich geben, wenn man untersucht, was Wertgegenst\u00e4ndlichkeit bedeutet. Den entscheidenden Schritt zu dieser Untersuchung machte Marx im Rahmen der Wertformanalyse. Wertgegenst\u00e4ndlichkeit als ein gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis der Produzenten l\u00e4sst sich am einzelnen Ding \u00fcberhaupt nicht fest machen, sie kann nur im Verh\u00e4ltnis zu einem anderen Ding erscheinen, indem das andere Ding, d.h. die zweite Ware, die mit der ersten ausgetauscht wird, als deren Wertgestalt gilt. Dieser \u00dcberlegung stimmt Schlosser zu, schreibt dann allerdings: \u201eDer Umkehrschlu\u00df, dass sie [gemeint ist die einzelne Ware, M.H.] deshalb, weil sie als solche keine Wertgegenst\u00e4ndlichkeit besitzt, kein Tr\u00e4ger von Wert ist, ist jedoch falsch.\u201c Wie es aber angehen soll, dass ein Gebrauchswert zwar keine Wertgegenst\u00e4ndlichkeit besitzt, aber trotzdem \u201eTr\u00e4ger von Wert\u201c, also doch Wertgegenstand ist, bleibt das Geheimnis von Robert Schlosser. Doch ist dies nicht die einzige Merkw\u00fcrdigkeit. Einige S\u00e4tze weiter schreibt Schlosser: \u201eDass eine einzelne Ware Verk\u00f6rperung vorausgegangener abstrakter Arbeit und damit Tr\u00e4ger von Wert ist, einer bestimmten Wertgr\u00f6\u00dfe, merkt der Produzent resp. Eigent\u00fcmer dieser Ware sp\u00e4testens, wenn er diese Ware nicht verkaufen kann.\u201c Tats\u00e4chlich ist es aber genau umgekehrt: wenn der Eigent\u00fcmer eine Sache\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0verkaufen kann, dann verwandelt sie sich\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0in Ware, ist\u00a0<em>nicht\u00a0<\/em>Wertgegenstand, sondern lediglich Gebrauchswert. Was der Eigent\u00fcmer dieses nicht in Ware verwandelten Gebrauchswerts bemerkt, ist vielmehr, dass er die bei der Produktion angefallenen Kosten, eben nicht &#8211; wie er es gehofft hatte &#8211; durch Verwandlung dieses Gebrauchswertes in eine Ware wieder hereinbekommt (und er erst recht keinen Gewinn einstreichen kann). Gerade weil der Gebrauchswert, der sich nicht in Ware verwandelt daher auch kein Wertgegenstand ist, kommt der Eigent\u00fcmer zur Einsicht, dass die urspr\u00fcngliche Wertsumme, die er in selbst\u00e4ndiger Gestalt als Geld besessen und dann f\u00fcr die Produktion des Gebrauchswertes aufgewandt hatte, \u201evernichtet\u201c ist (vernichtet ist sie nur f\u00fcr ihn, f\u00fcr die fr\u00fcheren Verk\u00e4ufer von Produktionsmittel und Arbeitskraft, die dieses Geld von ihm erhalten hatten, ist diese Wertsumme, unmittelbar nach dem Tausch jedenfalls, nicht vernichtet). Nur wenn der Eigent\u00fcmer das Arbeitsprodukt verkaufen kann, verwandelt es sich in Ware und der Eigent\u00fcmer merkt, dass es \u201eTr\u00e4ger von Wert\u201c ist. Diesen Wert kann der Eigent\u00fcmer mit seinen anf\u00e4nglichen Kosten vergleichen und feststellen, ob er einen Gewinn gemacht oder nicht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Beim substanzialistischen oder nicht-substanzialistischen Verst\u00e4ndnis des Werts geht es nicht um irgendeine belanglose theoretische Spitzfindigkeit, sondern um den Charakter kapitalistischer Vergesellschaftung. Im Rahmen kapitalistischer Warenproduktion wird Arbeit\u00a0<em>privat<\/em>\u00a0verausgabt, ob und inwieweit sie als Bestandteil der\u00a0<em>gesellschaftlichen Gesamtarbeit\u00a0<\/em>gilt, stellt sich erst im Nachhinein heraus, beim Austausch. Eine derartige Form von Gesellschaftlichkeit unterscheidet die b\u00fcrgerlichen (auf Warenproduktion beruhenden) Verh\u00e4ltnisse von allen nicht-b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen. Diese spezifische Gesellschaftlichkeit versucht Marx zu analysieren und verwendet dazu Begriffe wie abstrakte Arbeit oder Fetischismus, f\u00fcr die es in der b\u00fcrgerlichen \u00d6konomie kein Pendant gibt. Wird davon ausgegangen, dass die Arbeitsprodukte bereits w\u00e4hrend des Produktionsprozesses, also der \u201eprivaten\u201c Verausgabung von Arbeit, Waren und Wertgegenst\u00e4nde sind, dann wird die Differenz der verschiedenen Formen von Gesellschaftlichkeit eingeebnet bzw. die f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Gesellschaft spezifische Vermittlung der Gesellschaftlichkeit \u00fcber den Tausch wird zu einem untergeordneten nachtr\u00e4glichen Akt. Der Traditionsmarxismus hat daher die Tendenz, die Differenz zwischen der Marxschen Kritik der politischen \u00d6konomie und der klassischen politischen \u00d6konomie faktisch einzuebnen (was von den Vertretern des Tradtionsmarxismus keineswegs beabsichtigt ist).<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der monet\u00e4re, nicht-substanzialistische Charakter des Werts ist nicht nur f\u00fcr die Analyse des Kapitalismus von entscheidender Bedeutung, was sich insbesondere in der Auffassung von Geld und Kredit zeigt (die in den meisten traditionsmarxistischen Beitr\u00e4gen v\u00f6llig unterbelichtet bleibe, vgl. meinen Aufsatz \u201eGeld und Kredit in der Kritik der politischen \u00d6konomie\u201c in: Das Argument Nr. 251, 2003), dieser Charakter hat auch &#8211; in negativer Weise &#8211; f\u00fcr die Konzeption einer sozialistisch\/kommunistischen Gesellschaft Bedeutung. Werden in einer solchen Gesellschaft Austausch und Markt als \u00f6konomische Vermittlungsinstanzen zugunsten einer gesellschaftlichen Planung aufgegeben, dann muss man sich dar\u00fcber im Klaren sein, welche Koordinationsleistungen vorher im Rahmen von M\u00e4rkten erbracht wurden, und nun in anderen gesellschaftlichen Formen erbracht werden m\u00fcssen. In der \u201eWissenschaft vom Wert\u201c hatte ich auf diesen Zusammenhang verwiesen &#8211; nicht um die M\u00f6glichkeit gesellschaftlicher Planung zu diskreditieren, sondern um allzu naive Sozialismusvorstellungen zu kritisieren, wie sie bei vielen Vertretern des traditionellen Marxismus vorherrschen, eben weil sie glauben, die entscheidende Vergesellschaftung habe schon innerhalb der Produktion stattgefunden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als grunds\u00e4tzliche Diskreditierung hat aber wohl Daniel Dockerill meine diesbez\u00fcglichen \u00dcberlegungen verstanden, was ihn dann zu seiner Kritik an meinen werttheoretischen Auffassungen veranlasste. Dockerills Ausf\u00fchrungen in trend 06\/04 machen jedoch einen sehr unfertigen Eindruck, so wird nicht einmal immer klar, wo er sich auf Texte von mir und wo auf Texte von Helmut Brentel bezieht und wenn er andeutet, dass sich hinter den \u201eFormen des b\u00fcrgerlichen Verkehrs\u201c ein \u201eInhalt\u201c befindet, der \u201ezu anderer, ad\u00e4quaterer Gestalt dr\u00e4ngte\u201c, dann w\u00fcsste man schon gerne etwas genauer welcher Inhalt dies ist, und vor allem wie er das macht: zu einer ad\u00e4quateren Gestalt zu dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Was wohl der Zentralpunkt seiner Kritik an meinen Auffassungen darstellen soll, ist die Behauptung, ich verwechsle \u201edie Bestimmung des Werts durch die f\u00fcr die Herstellung einer Ware durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit mit der Tatsache &#8230;, dass diese Durchschnittsbildung unter der Bedingung von Warenproduktion nicht von den Produzenten bewusst vollzogen wird, sondern als nachtr\u00e4gliche, gewaltsame Korrektur der unter ganz anderen Gesichtspunkten sich abspielenden Preisbildung\u201c. Dockerills Kritik besteht demnach darin, dass er die von mir kritisierte Position, welche davon ausgeht, die Bestimmung des Werts sei mit dem Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit bereits abgeschlossen und alles weitere sei \u201eNachtr\u00e4gliches\u201c, einfach wiederholt, ohne sich mit irgendeinem meiner Argumente auseinander zu setzen. (Eine erheblich differenziertere Kritik an meiner Position lieferte bereits vor Jahren Norbert Trenkle in der Wiener Zeitschrift \u201eStreifz\u00fcge\u201c. Links zu den Texten von Trenkle, sowie meine Repliken darauf finden sich auf meiner Website www.oekonomiekritik.de unter \u201eDebatten\u201c.)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die D\u00fcrftigkeit der Ausf\u00fchrungen von Dockerill hinderten Karl M\u00fcller im Editorial von trend 07\/04 allerdings nicht daran, in ihnen eine \u201eschl\u00fcssige Widerlegung\u201c meiner Ansichten zu sehen. So ganz ausreichend schien ihm diese schl\u00fcssige Widerlegung dann aber doch nicht zu sein, so dass er noch ein Argument nachlegte. Nachdem er meine Aussage, abstrakte Arbeit sei ein \u201egesellschaftliches Geltungsverh\u00e4ltnis\u201c zitiert hatte (was ich damit meinte geht aus dem zitierten Satzfetzen allerdings nicht hervor), pr\u00e4sentiert er ein Zitat von Eugen D\u00fchring, der auch von \u201eGeltung\u201c spricht, um anschlie\u00dfend ein Engels-Zitat aus dem \u201eAnti-D\u00fchring\u201c anzuf\u00fchren zu k\u00f6nnen, welches M\u00fcller dann f\u00fcr eine schlagende Kritik meiner Auffassungen h\u00e4lt. Nun spricht grunds\u00e4tzlich nichts dagegen, statt eigene Argumente zu entwickeln, die von einem Autor A an einem Autor B ge\u00fcbte Kritik auf einen Autor C zu \u00fcbertragen &#8211; aber nur wenn Autor C dasselbe sagt wie Autor B und Autor A tats\u00e4chlich diese Aussage kritisiert. Man sollte sich also wenigstens vergewissern, ob der Kontext einigerma\u00dfen stimmt, oder ob das einzig Gemeinsame nicht &#8211; wie hier &#8211; lediglich ein Wort ist (\u201eGeltung\u201c), wobei sich die zitierte Kritik von Engels nicht einmal darauf bezieht. Mit der von M\u00fcller angewandten \u201eMethode\u201c k\u00f6nnte man auch Marx von Engels erschlagen lassen, denn auch dieser spricht an mehreren Stellen im \u201eKapital\u201c von \u201egelten\u201c. Statt nach Argumenten nach Zitaten der \u201eKlassiker\u201c zu suchen, ist zwar keine durchgehende Charakteristik des Traditionsmarxismus, aber zumindest in den \u201emarxistisch-leninistischen\u201c Parteien war diese Methode gang und g\u00e4be.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">F\u00fcr die Unwilligkeit sich mit Kritik argumentativ auseinander zu setzen, liefert M\u00fcller auch noch ein anderes sch\u00f6nes Beispiel. So schreibt er \u00fcber einen Disput zu Dockerills Kritik, dabei sei deutlich geworden, \u201edass es starke Aversionen auf Seiten von unabh\u00e4ngigen, autonomen Linken gegen die materialistische Dialektik gibt\u201c und gleich darauf hei\u00dft es wieder mit Bezug auf Dialektik, \u201edass hier heillose Verwirrung herrscht, die nicht zuletzt durch solche Marx-Interpreten, wie Heinrich, bef\u00f6rdert wird\u201c. Wenn M\u00fcller auf Kritik, an dem st\u00f6\u00dft, was er f\u00fcr Marxismus h\u00e4lt, dann sieht er diese Kritik offensichtlich nicht in Argumenten begr\u00fcndet (die er seinerseits kritisieren k\u00f6nnte), sondern in \u201eAversionen\u201c, also irrationalen Abneigungen, oder diese Kritik verdankt sich \u201eheilloser Verwirrung\u201c. Kritiker m\u00fcssen also irrational oder verwirrt sein, sonst w\u00fcrden sie nicht kritisieren. Dass solcherlei Dogmatismus meistens von einer starken Autorit\u00e4tsfixiertheit begleitet wird, schimmert auch bei M\u00fcller durch, wenn er am Ende seines Editorials schreibt: \u201eIch empfehle daher ein \u201aKapital\u2019studium mit dem Studium der Dialektik zu beginnen &#8211; \u00fcbrigens ist dies keine Erkenntnis, die auf meinem Mist gewachsen ist, sondern eine Widergabe der Ansichten Lenins,\u201c womit die Richtigkeit dieser Empfehlung anscheinend \u00fcber jeden Zweifel erhaben sein soll.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">M\u00fcllers Ausf\u00fchrungen, die im Stil des unfehlbaren marxistisch-leninistischen Parteitheoretikers vorgetragen sind, entbehren nicht einer unfreiwilligen Komik und ich habe mich gefragt, ob ich \u00fcberhaupt darauf eingehen soll. Aber leider hat diese in der Geschichte marxistischer Debatten keineswegs seltene Mischung aus d\u00fcnner Argumentation, Autorit\u00e4tsgl\u00e4ubigkeit und oberlehrerhafter Arroganz wahrscheinlich mehr zur Diskreditierung der Marxschen Kapitalismusanalyse beigetragen (und zwar bei denen, an die sie sich wendet) als alle b\u00fcrgerlichen Kritiker zusammen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Zu Robert Schlossers Artikel \u201eEine fragw\u00fcrdige Kritik am Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate\u201c<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Obwohl bereits recht einfache \u00dcberlegungen die Marxsche Begr\u00fcndung des \u201eGesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate\u201c in Frage stellen, wurde dieses Gesetz im traditionellen Marxismus verbissen verteidigt. Solche Verbissenheit r\u00fchrte h\u00e4ufig aus dem Glauben, dieses Gesetz sei notwendig, um eine Zusammenbruchstendenz des Kapitalismus oder zumindest dessen Krisenhaftigkeit zu begr\u00fcnden. M\u00fcsste man dieses Gesetz aufgeben, so der Umkehrschluss, dann g\u00e4be es f\u00fcr den Umsturz der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse keine \u201eobjektive\u201c Grundlage mehr, denn dann m\u00fcsste man ja zugeben, dass der Kapitalismus keine immanenten Schranke habe und im Prinzip auch krisenfrei funktionieren k\u00f6nne.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Aber selbst wenn das \u201eGesetz\u201c g\u00fcltig w\u00e4re, w\u00fcrde es nicht leisten, was sich viele seiner Verteidiger von ihm versprechen. Denn \u00fcber Ausma\u00df und Geschwindigkeit des Profitratenfalls kann es nichts aussagen: ein schneller Fall (z.B. in 5 Jahren von 12% auf 8%) mit erheblichen Auswirkungen, w\u00e4re genauso mit dem Gesetz vereinbar wie ein langsamer Fall (z.B. in 100 Jahren von 10,7% auf 10,3%), den kaum jemand bemerken w\u00fcrde. Die tats\u00e4chliche Aussage des Gesetzes &#8211; tendenzieller Fall der Profitrate in unbekanntem Ausma\u00df und in unbekannten Zeitr\u00e4umen &#8211; ist viel zu schwach, um als Grundlage einer Krisentheorie dienen zu k\u00f6nnen. Andererseits l\u00e4sst sich die Krisenhaftigkeit kapitalistischer Vergesellschaftung sehr gut ohne jeden Bezug auf dieses \u201eGesetz\u201c begr\u00fcnden (vgl. \u201eWissenschaft vom Wert\u201c, S. 341ff).<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das Marxsche \u201eGesetz\u201c hatte ich in zwei Schritten kritisiert. Robert Schlosser kritisiert meinen zweiten Schritt, und glaubt anscheinend, dass er damit die G\u00fcltigkeit des Marxschen \u201eGesetzes\u201c gezeigt habe. Ich werde zun\u00e4chst kurz die beiden Schritte meiner Kritik skizzieren und dann auf die Kritik von Schlosser eingehen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>I.<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Profitrate eines Kapitals ist p = m\u00a0\/\u00a0(c\u00a0+\u00a0v). K\u00fcrzt man diese Formel durch v so erh\u00e4lt man:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">p\u00a0=\u00a0(m\/v)\u00a0\u00a0\/\u00a0\u00a0(c\/v\u00a0\u00a0+\u00a0\u00a01)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Profitrate wird jetzt mit Hilfe der Mehrwertrate m\/v und der Wertzusammensetzung c\/v ausgedr\u00fcckt. Von beiden Gr\u00f6\u00dfen konnte Marx im ersten Band des \u201eKapitals\u201c zeigen, dass sie im Verlaufe kapitalistischer Produktivkraftentwicklung zunehmen. Im dritten Band des \u201eKapital\u201c behauptet Marx, dass die Profitrate f\u00e4llt &#8211; trotz steigender Mehrwertrate, weil n\u00e4mlich die Wertzusammensetzung stark steigen w\u00fcrde (MEW 25, S.221ff).<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">F\u00fcr den Nachweis eines Falles der Profitrate, gen\u00fcgt es aber nicht, dass wir wissen, dass Mehrwertrate und Wertzusammensetzung steigen. Wenn bei einem Bruch Z\u00e4hler und Nenner wachsen, dann h\u00e4ngt die Entwicklung des Zahlenwertes dieses Bruches davon ab, wer von beiden schneller w\u00e4chst. Die Profitrate f\u00e4llt nur dann, wenn der Nenner (d.h. der Ausdruck\u00a0\u00a0c\/v\u00a0\u00a0+\u00a0\u00a01) schneller zunimmt als der Z\u00e4hler (m\/v). Um den Fall der Profitrate begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen, m\u00fcssten wir etwas \u00fcber das\u00a0<em>Verh\u00e4ltnis<\/em>\u00a0der Wachstumsgeschwindigkeiten von Mehrwertrate und Wertzusammensetzung wissen, also die Frage beantworten k\u00f6nnen: wer steigt schneller?<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Man kann nat\u00fcrlich versuchen, f\u00fcr eine bestimmte Periode empirisch abzusch\u00e4tzen, wie stark Mehrwertrate und Wertzusammensetzung jeweils gestiegen sind. Abgesehen von den grunds\u00e4tzlichen Problemen, auf die man st\u00f6\u00dft, wenn man versucht, Wertgr\u00f6\u00dfen empirisch dingfest zu machen, nutzt einem eine solche Untersuchung f\u00fcr das anstehende Problem aber nichts. Denn es geht beim Marxschen Gesetz nicht um die Behauptung, die Profitrate sei in einem bestimmten Zeitraum gefallen. Marx versucht vielmehr eine notwendige Tendenz nachzuweisen, die immer gelten soll, wenn die kapitalistische Produktionsweise herrscht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Doch l\u00e4sst sich kein Grund angeben, warum die Wertzusammensetzung (genauer: c\/v\u00a0\u00a0+\u00a0\u00a01) in der Tendenz schneller steigen soll als die Mehrwertrate. Daher l\u00e4sst sich auch nicht begr\u00fcnden, dass es stets eine Tendenz zum Profitratenfall gibt (vgl. ausf\u00fchrlich \u201eWissenschaft vom Wert\u201c S.327-337; eine Kurzfassung ist in \u201eKritik der politischen \u00d6konomie. Eine Einf\u00fchrung\u201c, Stuttgart Schmetterling Verlag 2004, S.148ff enthalten). Ergebnis des ersten Schrittes meiner \u00dcberlegungen ist, dass sich unter den von Marx betrachteten Bedingungen \u00fcber die langfristige Tendenz der Profitrate gar keine Aussage machen l\u00e4sst.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dieses Ergebnis gilt unabh\u00e4ngig davon, ob das vorgeschossene Kapital im Laufe der Zeit w\u00e4chst oder nicht. Denn auch f\u00fcr das gewachsene Kapital gilt: seine Profitrate ist nur dann kleiner als die Profitrate des alten (kleineren) Kapitals, wenn im Vergleich mit dem kleineren Kapital der Ausdruck c\/v\u00a0\u00a0+\u00a0\u00a01 st\u00e4rker gestiegen ist als die Mehrwertrate m\/v.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In einem zweiten Schritt gehe ich \u00fcber dieses Ergebnis hinaus (vgl. \u201eWissenschaft vom Wert\u201c, S.338ff) und ber\u00fccksichtige, was Marx im 13. Kapitel des ersten Bandes unter der \u00dcberschrift \u201eWertabgabe der Maschinerie an das Produkt\u201c (MEW 23, S.407ff, insbesondere S.414) entwickelt hat, was er im dritten Band aber nicht ber\u00fccksichtigte. Durch eine neue, bessere Maschinerie wird die Produktivkraft der Arbeit gesteigert. Zur Produktion eines einzelnen St\u00fccks ist jetzt weniger lebendige Arbeit erforderlich, der Kapitalist spart daher bei der Produktion je St\u00fcck einen Teil des bisher ben\u00f6tigten variablen Kapitals ein (dieser eingesparte Teil des variablen Kapitals werde mit Dv1 bezeichnet). Andererseits ist die neue Maschinerie in der Regel teurer als die alte und das hei\u00dft auf die einzelne Ware wird jetzt ein gr\u00f6\u00dferer Anteil des konstanten Kapitalwerts \u00fcbertragen als vorher (Dc1 bezeichne den zus\u00e4tzlich \u00fcbertragenen konstanten Kapitalwert). Marx argumentiert nun, dass die neue Maschinerie nur dann eingef\u00fchrt wird, wenn der auf\u00a0<em>das einzelne Produkt<\/em>\u00a0<em>zus\u00e4tzlich \u00fcbertragene Wert des konstanten Kapitals (Dc1)\u00a0<\/em>geringer ist als\u00a0<em>der je Produkt eingesparte Teil des variablen Kapitals (Dv1)<\/em>, denn nur dann sinken die Herstellungskosten f\u00fcr den Kapitalisten. Es muss also gelten: Dc1\u00a0&lt;\u00a0Dv1 (MEW 23, S.414).<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In diesem Zusammenhang taucht jener omin\u00f6se Faktor k auf, an dem sich Schlosser st\u00f6\u00dft: er dr\u00fcckt die gesamte Verbilligung einer Ware aus, nachdem sich deren neue verbesserte Produktionsmethode verallgemeinert hat und auch die Produktivkraftsteigerungen in anderen Branchen ber\u00fccksichtigt werden, welche die Elemente des konstanten Kapitals und den Wert der Arbeitskraft verbilligen. Hat sich unter diesen Umst\u00e4nden der Wert der Ware halbiert, dann ist k = \u00bd, ist der Wert der Ware auf ein Viertel gesunken ist k = \u00bc etc.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Durch die von Schlosser erw\u00e4hnte \u201eFormelreihe\u201c konnte ich dann zeigen, dass die Profitrate\u00a0<em>unter den von Marx unterstellten, ganz allgemeinen Bedingungen<\/em>\u00a0bei einer Produktivkraftsteigerung\u00a0<em>nicht sinkt<\/em>. Die Profitrate kann nat\u00fcrlich aufgrund von\u00a0<em>anderen<\/em>\u00a0Gr\u00fcnden sinken, z.B. aufgrund von steigendem Wert der Rohstoffe durch schwierigere F\u00f6rderbedingungen, Verlangsamung der Abnahme des Werts der Arbeitskraft aufgrund von Klassenk\u00e4mpfen etc. Solche Gr\u00fcnde f\u00fchrt Marx bei seiner Behandlung des \u201eGesetzes\u201c aber nicht an, denn es sind historisch spezifische Bedingungen, die manchmal vorliegen und manchmal nicht. Sie k\u00f6nnen daher lediglich einen zeitweisen Fall der Profitrate begr\u00fcnden, aber keine notwendige Tendenz zum Profitratenfall.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>II.<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Robert Schlosser erw\u00e4hnt zwar den ersten Schritt meiner Kritik am Anfang seines Textes, bezieht sich dann aber nur auf den zweiten Schritt. Wie aus der Skizze meiner Argumentation deutlich wurde, ist der erste Schritt vom zweiten unabh\u00e4ngig, d.h. selbst wenn Schlossers Kritik an meinem zweiten Schritt richtig w\u00e4re, w\u00fcrde dies das Ergebnis des ersten Schrittes nicht entkr\u00e4ften. Allerdings beruhen die Argumente, die Schlosser vorbringt, auf einer nicht allzu sorgf\u00e4ltigen Lekt\u00fcre meines Textes sowie einigen schlichten Irrt\u00fcmern.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wie schon erw\u00e4hnt, benutze ich in dem von Schlosser kritisierten zweiten Schritt, was Marx im 13. Kapitel des ersten Bandes entwickelt: Sollen sich die Herstellungskosten verringern (und nur dann f\u00fchren Kapitalisten eine neue Maschine ein) muss Dc1\u00a0&lt;\u00a0Dv1 sein. Schlosser bemerkt dazu, \u201edass diese Bedingung hier, wo es um die Entwicklungstendenz der Durchschnittsprofitrate des gesellschaftlichen Gesamtkapitals geht, eher fragw\u00fcrdig ist\u201c. Wie es zusammenpassen soll, dass man eine Bedingung beim Einzelkapital akzeptiert, diese Bedingung aber bei der Durchschnittsprofitrate, die aus den Profitraten genau dieser Einzelkapitale gebildet wird, als fragw\u00fcrdig fallen l\u00e4sst, erkl\u00e4rt Schlosser leider nicht. Etwas sp\u00e4ter akzeptiert Schlosser dann aber auch die G\u00fcltigkeit des Marxschen Arguments f\u00fcr die einzelne Ware (also das, was Marx im ersten Band des \u201eKapitals\u201c entwickelte), nicht mehr: \u201eKein Zweifel: die Herstellungskosten f\u00fcr das Einzelexemplar ihrer Ware soll sinken. Daraus ergibt sich aber nicht die von Heinrich verlangte Schranke (Dc1\u00a0&lt;\u00a0Dv1)\u201c.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">An der Bedingung Dc1\u00a0&lt;\u00a0Dv1 kommt Robert Schlosser allerdings nur vorbei, wenn er die Grundrechenarten neu erfindet. Ein Zahlenbeispiel mag dies illustrieren. Wurde auf das einzelne Produkt bisher ein konstanter Kapitalwert in H\u00f6he von 6 \u00fcbertragen (der sich aus verbrauchten Rohstoffen, Energie etc. und dem \u00fcbertragenen Wertanteil der Maschinerie, Baulichkeiten etc. zusammensetzt) und war zur Produktion dieses Produkts bisher variables Kapital in H\u00f6he von 4 erforderlich, dann betrugen die Herstellungskosten des einzelnen Produktes genau 6\u00a0\u00a0+\u00a0\u00a04\u00a0\u00a0=\u00a0\u00a010. Nun nehmen wir an, dass durch eine verbesserte Maschine die Produktion mit weniger Arbeit m\u00f6glich wird, so dass das variable Kapital, welches f\u00fcr das einzelne Produkt aufgewendet werden muss, von 4 auf 1 sink. Pro St\u00fcck wird also variables Kapital in H\u00f6he von 3 eingespart (Dv1\u00a0=\u00a03). Nehmen wir weiter an, dass die verbesserte Maschinerie teurer ist als die alte und sie daher auf das einzelne Produkt einen um 2 h\u00f6heren Wertteil \u00fcbertr\u00e4gt (Dc1\u00a0=\u00a02), dann wird jetzt an konstantem Kapitalwert 8 statt bisher 6 \u00fcbertragen. Die neuen Herstellungskosten betragen somit 8\u00a0\u00a0+\u00a0\u00a01\u00a0\u00a0=\u00a0\u00a09, sind also gesunken. Und warum sind sie gesunken? Weil das\u00a0<em>zus\u00e4tzlich<\/em>\u00a0\u00fcbertragene konstante Kapital Dc1\u00a0(=\u00a02) kleiner war als das\u00a0<em>eingesparte<\/em>\u00a0variable Kapital Dv1\u00a0(=\u00a03). W\u00e4re das zus\u00e4tzlich \u00fcbertragene konstante Kapital gr\u00f6\u00dfer als das eingesparte variable Kapital (w\u00fcrde es z.B. 3,5 betragen), dann w\u00fcrden insgesamt 9,5 Werteinheiten konstantes Kapital \u00fcbertragen und das macht zusammen mit variablem Kapital in H\u00f6he von 1 Herstellungskosten in H\u00f6he von 10,5 die Herstellungskosten also w\u00e4ren gestiegen. Sollen die Herstellungskosten sinken, dann f\u00fchrt kein Weg an der von Schlosser kritisierten Bedingung Dc1\u00a0&lt;\u00a0Dv1 vorbei.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Herstellungskosten einer Ware sind nun genau der Kapitalwert, der zur Produktion der einzelnen Ware erforderlich ist.\u00a0<em>Nehmen die Herstellungskosten ab (wie auch Schlosser zugesteht), dann nimmt auch der Kapitalwert, der zur Produktion einer einzelnen Ware notwendig ist, ab<\/em>. Schlosser folgert allerdings:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201eMan muss schon sagen, dass wir es hier mit einem ganz anderen, merkw\u00fcrdigen Kapitalismus zu tun haben, der offenbar wenig mit dem von Marx dargestellten und kritisierten zu tun hat. Wo w\u00e4ren wir heute, wenn jede technische Revolution, jede neue Produktionsmethode den Kapitalwert verringert h\u00e4tte?\u201c Und etwas weiter hei\u00dft es: \u201eNach der Investition sollen also c+v kleiner sein als vorher. Danach w\u00fcrde also nur investiert, wenn sich der Kapitalvorschuss verringert. Wenn sich der erforderliche Kapitalvorschuss st\u00e4ndig verringern w\u00fcrde, dann fragt man sich, warum die Kredite in dieser Wirtschaft eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen. Wenn das neue konstante Kapital kleiner sein muss, als das zu ersetzende variable Kapital, dann m\u00fcssten die Kapitalisten jede neue Produktionsmethode locker aus dem Portemonnaie bezahlen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Merkw\u00fcrdig ist hier nicht der Kapitalismus, sondern Schlossers oberfl\u00e4chlicher Umgang mit meinem Text, sowie mit dem Problem selbst. Ich habe nirgendwo behauptet, dass sich der Kapitalwert,\u00a0<em>den die Kapitalisten investieren<\/em>, verringern w\u00fcrde. In meiner Rechnung ging es immer nur um den\u00a0<em>Kapitalwert, der f\u00fcr die Produktion der einzelnen Ware<\/em>\u00a0notwendig ist, und dieser nimmt in der Tat ab (auch Schlosser gibt zu, dass die Herstellungskosten der einzelnen Ware sinken sollen). Der\u00a0<em>gesamte investierte Kapitalwert\u00a0<\/em>ist aber, wenn wir vom fixen Kapital abstrahieren (was auch Marx meistens so macht, weil er wei\u00df, dass dessen Ber\u00fccksichtigung nichts am Ergebnis \u00e4ndert, sondern lediglich die Rechnungen verkompliziert) gleich dem Kapitalwert f\u00fcr die einzelne Ware multipliziert mit der Anzahl der Waren. Wird die Anzahl der produzierten Waren ausgedehnt (und h\u00e4ufig ist dies eine Bedingung, um die bessere Maschinerie \u00fcberhaupt nutzen zu k\u00f6nnen), dann steigt der gesamte investierte Kapitalwert,\u00a0<em>obwohl<\/em>\u00a0der f\u00fcr die Produktion der einzelnen Ware notwendige Kapitalwert sinkt. Schlossers Entdeckung meiner merkw\u00fcrdigen Vorstellung von Kapitalismus reduziert sich also darauf, dass er zwei elementare Begriffe &#8211; den Kapitalwert je Produkt und den Gesamtwert des investierten Kapitals &#8211; nicht auseinander h\u00e4lt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Aber auch abgesehen von dieser Konfusion gilt: F\u00fcr die Profitrate hilft der Verweis auf die mit dem Umsatz steigende Gr\u00f6\u00dfe des investierten Kapitals nicht weiter. Der steigende Umsatz wird n\u00e4mlich in der Regel von einer Vermehrung der Mehrwertmasse begleitet (wie auch Schlosser an einer Stelle anmerkt). F\u00fcr die Profitrate hei\u00dft das: ein steigender Nenner (zunehmendes investiertes Kapital) geht mit einem steigenden Z\u00e4hler (zunehmende Mehrwertmasse) einher. Um aber eine Aussage \u00fcber die Profitrate machen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssten wir wissen, wer schneller steigt, Z\u00e4hler oder Nenner und genau das wissen wir eben nicht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Gem\u00e4\u00df den Regeln der Bruchrechnung schlicht falsch ist es auch, wenn Schlosser schreibt: \u201eOb bei erh\u00f6hter organischer Zusammensetzung des Kapitals die Profitrate steigt oder f\u00e4llt, h\u00e4ngt entscheidend davon ab, ob das Gesamtkapital gr\u00f6\u00dfer wird oder nicht, ob also der Umsatz steigt oder f\u00e4llt.\u201c Ob bei erh\u00f6hter organischer Zusammensetzung des Kapitals die Profit<em>rate<\/em>\u00a0steigt oder f\u00e4llt, h\u00e4ngt davon ab, wie stark die\u00a0<em>Mehrwertrate<\/em>\u00a0steigt (vgl. oben Abschnitt I), von der H\u00f6he des Umsatzes h\u00e4ngt dagegen die Mehrwert<em>masse<\/em>\u00a0ab. D.h. Schlosser wirft hier ganz offensichtlich die beiden verschiedenen, oben genannten Formeln f\u00fcr die Profitrate (Mehrwertmasse im Verh\u00e4ltnis zum vorgeschossenen Kapital bzw. Mehrwertrate im Verh\u00e4ltnis zu Wertzusammensetzung plus 1) durcheinander.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u00dcberraschenderweise scheint Robert Schlosser aber zu glauben, die Profitrate sei sowieso nicht weiter wichtig. Er schreibt: \u201eDie wirklichen Kapitalisten haben aber eh mehr Interesse an dem, was hinten herauskommt (m) als an dem, was sie vorne hineinstecken (c+v). Sie tun das, was erforderlich ist, um m zu vergr\u00f6\u00dfern\u201c. Wenn dies zutr\u00e4fe, dann w\u00e4ren die Kapitalisten nicht an maximaler Kapitalverwertung, also einer maximalen Profit<em>rate\u00a0<\/em>m\/(c+v) interessiert, sondern an einer maximalen Mehrwert- bzw. Profit<em>masse\u00a0<\/em>m &#8211; die sie mit beliebig gro\u00dfem Kapitalaufwand erkaufen. Dies w\u00e4re nun in der Tat ein ziemlich merkw\u00fcrdiger Kapitalismus.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ich will den Konfusionen in Schlossers Text nicht weiter folgen, nur ein Punkt sei noch erw\u00e4hnt. Marx war davon ausgegangen, dass die neuen verbesserten Maschinen stets teurer sind als die alten. Diese Annahme l\u00e4sst sich zwar durch eine Vielzahl von Beispielen st\u00fctzen, doch ist kein Argument ersichtlich, dass dies\u00a0<em>notwendigerweise<\/em>\u00a0immer so sein muss. In der \u201eWissenschaft vom Wert\u201c hatte ich als Gegenbeispiel die Entwicklung der Computer angef\u00fchrt, wo (bisher jedenfalls) die neuen leistungsf\u00e4higeren Ger\u00e4te nach einer Weile stets billiger waren als die alten. Zu diesem Argument schreibt Schlosser:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201eGegen Marx, der davon ausging dass das neue fixe Kapital in der Gestalt der Maschinerie trotz Produktivkraftsteigerung teurer bleibe als die alte, f\u00fchrt er das l\u00e4cherliche Beispiel der Verbilligung der Computer an. Dazu ist erstens zu sagen, dass sich die Entwicklung der Produktivkraft bei den Computern (\u00e4hnlich wie bei Autos und anderer Hightech) nicht im Preisverfall ausdr\u00fcckt, sondern darin, dass immer leistungsf\u00e4higere Ger\u00e4te f\u00fcr das gleiche Geld zu haben sind.\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">L\u00e4cherlich scheint mir hier vor allem die Unwilligkeit zu sein, selbst einfachste Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Wer vor ca. 3-4 Jahren einen PC mittlerer Leistung kaufte, erh\u00e4lt heute f\u00fcr wenig mehr als die H\u00e4lfte des damaligen Verkaufspreises einen Rechner mit in jeder Hinsicht besseren Leistungsmerkmalen, was sich unschwer durch das Studium entsprechender Anzeigen und Preislisten best\u00e4tigen l\u00e4sst.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In meiner Kritik am Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate habe ich das Argument, dass die neue verbesserte Maschine auch absolut billiger sein kann als die alte Maschine, nicht benutzt. Im Moment ist dies auch eher die Ausnahme. In meinen Rechnungen hatte ich genauso wie Marx angenommen, dass die verbesserte Maschine teurer ist als die alte, so dass Wertzusammensetzung des Kapitals und Wertabgabe an das Produkt steigen (eine Annahme, die, wie ich gezeigt habe, aber nicht ausreicht, um den Profitratenfall schl\u00fcssig zu begr\u00fcnden). Angef\u00fchrt hatte ich die von Schlosser so heftig bek\u00e4mpften \u00dcberlegungen nur deshalb, um vor genau der Ignoranz einfachster empirischer Sachverhalte zu warnen, wie sie leider auch von Robert Schlosser demonstriert wurde.<\/p>\n<p lang=\"fr-FR\" align=\"JUSTIFY\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>in: trend onlinezeitung 09\/04 In den Ausgaben von 06\/04 und 07\/04 von trend wurden meine Auffassungen zur Werttheorie und zum Profitratenfall, die ich in der \u201eWissenschaft vom Wert\u201c (3. Aufl., M\u00fcnster 2003) vertreten habe, von verschiedenen Autoren kritisiert (vgl. 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