{"id":1714,"date":"2020-03-13T14:36:39","date_gmt":"2020-03-13T13:36:39","guid":{"rendered":"http:\/\/liremarx.noblogs.org\/?p=1714"},"modified":"2020-03-13T14:36:39","modified_gmt":"2020-03-13T13:36:39","slug":"zu-viel-produktion-postones-neuinterpretation-der-marxschen-theorie-leistet-eine-kategoriale-kritik-mit-defiziten-michael-heinrich-2004","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liremarx.noblogs.org\/?p=1714","title":{"rendered":"Zu viel Produktion. Postones Neuinterpretation der Marxschen Theorie leistet eine kategoriale Kritik mit Defiziten, Michael Heinrich, 2004"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"western\" align=\"justify\"><strong><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"https:\/\/i2.wp.com\/thecharnelhouse.org\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Cartoon-featuring-Moishe-Postone-Karl-Marx-and-Karl-Liebknecht-1-1-300x300.jpg?fit=300%2C300&amp;ssl=1\" alt=\"R\u00e9sultat de recherche d'images pour &quot;postone&quot;\" \/>Zu viel Produktion. Postones Neuinterpretation der Marxschen Theorie leistet eine kategoriale Kritik mit Defiziten, Michael Heinrich<\/strong><\/h1>\n<p align=\"justify\">in:\u00a0<em>Jungle World\u00a0<\/em>29, 7. Juli 2004<\/p>\n<p align=\"justify\">\n<p align=\"justify\">Moishe Postone hat ein gewichtiges Werk zu zentralen, kategorialen Fragen der Marxschen \u00d6konomiekritik vorgelegt. Dabei handelt es sich keineswegs um eine blo\u00df akademische \u00dcbung. Fluchtpunkt auch noch seiner abstraktesten Er\u00f6rterungen ist die Frage, wie die Umbr\u00fcche des gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus zu analysieren sind.<\/p>\n<p align=\"justify\">Postones Kritik richtet sich zun\u00e4chst gegen den \u201etraditionellen\u201c, in der Arbeiterbewegung vorherrschenden Marxismus, f\u00fcr den Ausbeutung, Klassenherrschaft und vor allem eine positiv verstandene proletarische Arbeit, die, vom Kapital unterdr\u00fcckt, sich im Sozialismus endlich verwirklichen sollte, zentrale Bezugspunkte waren. Dieser Marxismus sei nicht nur f\u00fcr die Analyse ungeeignet, auch dessen Sozialismuskonzeption, die lediglich auf eine Ver\u00e4nderung der Eigentumsverh\u00e4ltnisse zielte, nicht aber auf eine grundlegende Umw\u00e4lzung der Produktionsweise, biete keine wirklich emanzipatorische Perspektive.<\/p>\n<p align=\"justify\"><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">Dem setzt Postone eine \u201eNeuinterpretation\u201c der Marxschen Theorie entgegen, die abstrakte Arbeit als kapitalismusspezifische Form der Vermittlung des gesellschaftlichen Zusammenhangs ins Zentrum r\u00fcckt. Auf dieser Form der Vermittlung beruht, was Postone als \u201eabstrakte Herrschaft\u201c bezeichnet: ein struktureller Zwang, der nicht an einem bestimmten Ort lokalisiert ist oder von einem bestimmten Machtzentrum ausge\u00fcbt wird, dem vielmehr alle Mitglieder der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft unterworfen sind. Postone leugnet keineswegs Ausbeutung und Klassenherrschaft, nur erhalten sie bei ihm einen anderen Stellenwert als im traditionellen Marxismus.<\/p>\n<p align=\"justify\">Postones Ansatz wurzelt in der \u201eneuen Marx-Diskussion\u201c, wie sie sich im Gefolge der Studentenbewegung und der Proteste gegen den Vietnamkrieg seit den sechziger Jahren in vielen L\u00e4ndern Westeuropas entwickelte. In der westdeutschen Diskussion der siebziger Jahre, die Postone, der von 1972 bis 1982 in Frankfurt am Main wohnte, aus der N\u00e4he miterlebte, wurden bereits die \u00f6konomistischen Verk\u00fcrzungen der Marxschen Theorie kritisiert. Gegen ihre traditionelle Reduktion auf eine \u201epolitische \u00d6konomie der Arbeiterklasse\u201c, welche im Prinzip dieselben Fragen wie die politische \u00d6konomie stellt und lediglich andere Antworten gibt, wurde betont, dass es sich bei der Marxschen \u00d6konomiekritik um eine Fundamentalkritik der b\u00fcrgerlichen Kategorien handele und nicht blo\u00df um eine Kritik der vermittels dieser Kategorien gewonnenen Ergebnisse. Jenseits beschr\u00e4nkter fach\u00f6konomischer Fragestellungen geht es Marx um den fetischisierten gesellschaftlichen Zusammenhang einer warenproduzierenden, kapitalistischen Gesellschaft.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nicht alles an Postones \u201eNeuinterpretation\u201c ist daher ganz so neu, wie er es immer wieder betont. Vor allem teilt Postones Buch auch ein zentrales Defizit mit dem in den siebziger Jahren von unterschiedlichen Autoren und Gruppen vorangetriebenen Projekt einer \u201eRekonstruktion der Kritik der politischen \u00d6konomie\u201c. Bei diesem Unternehmen wurden zwar die Fehlinterpretationen der Vergangenheit und der fragmentarische Charakter der Marxschen \u201eKapital\u201c-Manuskripte betont, die die angestrebte \u201eRekonstruktion\u201c \u00fcberhaupt n\u00f6tig machten. In der Marxschen Argumentation vorhandene Ambivalenzen und Inkonsistenzen wurden jedoch ausgeblendet.<\/p>\n<p align=\"justify\">Diesem interpretatorischen Schema folgt Postone. Zwar betonte er auf seiner j\u00fcngsten Vortragsreise, es gehe ihm nicht darum, \u201ewas Marx wirklich sagte\u201c, sondern um eine Interpretation, die man f\u00fcr die Analyse benutzen k\u00f6nne. Aber auch dann muss man sich \u00fcber den Zustand des Marxschen Rohmaterials dieser Interpretation im Klaren sein. Marx vollzieht einerseits einen radikalen Bruch mit dem theoretischen Feld der klassischen politischen \u00d6konomie (d.h. ihren kategorialen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten), andererseits l\u00f6st er sich an vielen Stellen von diesem theoretischen Feld noch nicht. Etwa bei der physiologischen Bestimmung abstrakter Arbeit, die ihrer Bestimmung als einem gesellschaftlichen Geltungsverh\u00e4ltnis unmittelbar widerspricht, in seiner Fixierung auf eine Geldware, in seinem Versuch einer quantitativen Wert-Preis-Transformation.<\/p>\n<p align=\"justify\">Derartige Ambivalenzen zwischen Altem und Neuem sind f\u00fcr jemanden, der eine wissenschaftliche Revolution vollzogen hat, keineswegs ungew\u00f6hnlich. (Man vergleiche etwa die Rolle Galileis in der Geschichte der Physik.) Indem Postone diese Ambivalenzen und Inkonsistenzen konsequent ausblendet, ist er zuweilen zu recht unplausiblen Interpretationen gezwungen, etwa die physiologische Bestimmung abstrakter Arbeit betreffend. Marx habe diese Bestimmung gar nicht so gemeint, er nehme vielmehr eine bestimmte Erscheinungsform auf, die er dann sp\u00e4ter kritisiere. Oder Postone setzt sich, wie bei der Wert-Preis-Transformation, nur mit dem harmlosesten ersten Vertreter der Kritik, B\u00f6hm-Bawerk, auseinander; die substanziellere Debatte, die erst sp\u00e4ter einsetzt, wird dagegen v\u00f6llig ignoriert.<\/p>\n<p align=\"justify\">Allerdings ist nicht nur Postones Interpretationsverfahren problematisch, sondern auch ein Teil seiner Ergebnisse. Sowohl in seinem Wert- als auch in seinem Kapitalbegriff bleibt alles, was mit \u201eZirkulation\u201c zu tun hat, vor allem das Geld, weitgehend ausgespart. Zwar betont Postone zu Recht, dass es sich bei abstrakter Arbeit um ein spezifisch gesellschaftliches Vermittlungsverh\u00e4ltnis handele. Dass dieses Verh\u00e4ltnis aber eine gegenst\u00e4ndliche Gestalt ben\u00f6tigt, die es erst im Geld erh\u00e4lt, hat f\u00fcr Postones Wertbegriff keine besondere Bedeutung. Wenn Geld aber tats\u00e4chlich, wie Marx in der \u201eKritik der politischen \u00d6konomie\u201c schreibt, die \u201eunmittelbare Existenzform\u201c der abstrakten Arbeit ist, dann kann Geldtheorie nicht, wie im traditionellen Marxismus und ebenfalls bei Postone, nur ein Anh\u00e4ngsel der Werttheorie sein, dann ist sie vielmehr deren konstitutiver Bestandteil.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dann verl\u00e4uft, wie Hans-Georg Backhaus in den siebziger Jahren herausgestellt hat, die entscheidende Grenze nicht zwischen Arbeits- und Nutzentheorien des Werts, sondern zwischen pr\u00e4monet\u00e4ren Werttheorien, also Theorien, die den Wertbegriff ohne jeden Bezug auf das Geld entwickeln wollen (zu ihnen geh\u00f6ren sowohl die b\u00fcrgerlichen Nutzentheorien als auch die traditionell marxistische Arbeitswerttheorie), und der Marxschen monet\u00e4ren Werttheorie als kategorialer Kritik pr\u00e4monet\u00e4rer Ans\u00e4tze.<\/p>\n<p align=\"justify\">Diese Schlagseite von Postones Auffassung der Werttheorie setzt sich in seinem Kapitalbegriff fort, der allein aus der Perspektive der Produktion entwickelt wird, wie sie von Marx im ersten Band des \u201eKapital\u201c eingef\u00fchrt wurde. Dahinter steht Postones richtige Kritik am traditionellen Marxismus, der die Anarchie des Marktes durch Planung \u00fcberwinden wollte, die industriekapitalistischen Produktionsbedingungen aber kaum problematisierte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Allerdings kann die Konzentration auf die Produktionsseite ebenfalls zu einem schiefen Bild f\u00fchren. Die Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals, der Ausgleichsprozess zur Durchschnittsprofitrate und die Vermittlung dieser Prozesse durch Kreditverh\u00e4ltnisse sind nicht einfach irgendwie zus\u00e4tzliche Prozesse, die man behandeln kann oder auch nicht. Kapital ist als gesellschaftlich umfassendes Produktionsverh\u00e4ltnis ohne Kreditverh\u00e4ltnisse \u00fcberhaupt nicht m\u00f6glich. Allein aus der Produktionssph\u00e4re l\u00e4sst sich die Dynamik des Kapitals daher nicht begreifen, dieser Dynamik vorausgesetzt ist vielmehr immer schon die Einheit von (kapitalistischer) Produktion und Zirkulation. Dies gilt insbesondere f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis derjenigen Prozesse, die in den letzten Jahren unter dem Stichwort \u201eGlobalisierung\u201c verhandelt wurden und bei denen die Rolle eines internationalisierten Finanzsystems im Zentrum steht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Hinsichtlich der politischen Konsequenzen von Postones Ansatz erweist sich vor allem die fehlende Staatskritik als problematisch. Dabei geht es um eine kategoriale Leerstelle. Postone rei\u00dft zwar das historisch wechselnde Verh\u00e4ltnis von Staat und Kapital an \u2013 auf die liberale Phase, in der sich der Staat kaum in die \u00d6konomie einmischte, folgte die interventionistische, die jetzt von einer neoliberalen abgel\u00f6st wurde \u2013, doch wird diese historische Betrachtung nicht durch eine kategoriale Analyse des Staates fundiert. Was Postone zu Recht als St\u00e4rke der Marxschen Kapitalanalyse herausstellt, dass der Marxsche Kapitalbegriff nicht in einer bestimmten historischen Figuration aufgeht, sondern dass es sich beim Kapital um ein gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis handelt, das mit unterschiedlichen historischen Konfigurationen verbunden ist, scheint er nicht in gleicher Weise auf den Staat zu beziehen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Diese fehlende kategoriale Analyse des Staates erm\u00f6glicht es dann, auf eine unreflektierte Art und Weise \u00fcber Demokratie und demokratische Selbstbestimmung zu sprechen. Postone, der \u00fcberzeugend die ahistorische Auffassung der \u00f6konomischen Kategorien kritisierte, scheint dagegen eine ahistorische Auffassung von Demokratie zu teilen. Statt Demokratie als spezifische politische Vermittlungsform gerade jener von ihm selbst hervorgehobenen \u201eabstrakten Herrschaft\u201c zu reflektieren, erscheint Demokratie in Postones recht vagen \u00c4u\u00dferungen als eine \u00fcberhistorische Organisationsform des Politischen, die durch \u201eungleiche Machtverh\u00e4ltnisse\u201c behindert werde, die historisch bessere oder schlechtere Bedingungen zu ihrer Verwirklichung vorfinde und die endg\u00fcltig erst im Sozialismus verwirklicht werde. Damit bleibt Postone, auch wenn er dies vielleicht gar nicht beabsichtigte, einem Diskurs verhaftet, der den wirklichen Verh\u00e4ltnissen (der real existierenden Demokratie) lediglich eine Idealisierung dieser Verh\u00e4ltnisse (die wahre Demokratie) gegen\u00fcberstellt. Worauf es jedoch ank\u00e4me, w\u00e4re eine Kritik der politischen Kategorien der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, welche der Kritik der \u00f6konomischen Kategorien ad\u00e4quat ist.<\/p>\n<p align=\"justify\">Erst damit w\u00e4re im \u00dcbrigen die kategoriale Ebene erreicht, auf der in einem zureichenden Sinn von Klassen und Klassenk\u00e4mpfen geredet werden kann. Postones Kritik der traditionsmarxistischen \u00dcberh\u00f6hung des Klassenkampfes teilt mit den kritisierten Positionen jedoch die Vorstellung, dass \u00fcber Klasse und Klassenkampf allein schon wegen der \u00f6konomischen Struktur gesprochen werden k\u00f6nne. Nicht der \u00f6konomistisch verk\u00fcrzte Klassenbegriff steht somit bei Postone in Frage, sondern dessen Bewertung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu viel Produktion. Postones Neuinterpretation der Marxschen Theorie leistet eine kategoriale Kritik mit Defiziten, Michael Heinrich in:\u00a0Jungle World\u00a029, 7. 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